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Gerda Gonsior (links) und Barbara Heller

Die Waffen nieder – Frauen im Kampf für den Frieden

Der Kampf für den Frieden – eine Frauensache?
Die großen historischen Vorbilder der Frauenfriedensbewegung sind davon ausgegangen, dass die Frauen ein besonderes Interesse am Frieden haben. Die Frauen bringen die Kinder zur Welt und sind mehr als die Männer zuständig für das Wohl und Wachsen der Kinder. Aus dieser Zuständigkeit entwickeln sich innigere Beziehungen zwischen Frauen und Kindern und damit auch eine größere Ablehnung des Krieges, der das Leben der Kinder in Frage stellt, als Opfer von Bombardierungen, aber auch als Soldaten im Krieg. Das alte Sprichwort: „Frieden nährt, Krieg verzehrt“ haben die Frauen immer in besonderer Weise am eigenen Leib erlebt. Zu der Angst um die Männer und Söhne an der Front kam die Not zuhause. Hunger, Kälte, Zerstörung, damit mussten die Frauen nun alleine zurechtkommen. Und wenn der Krieg zu Ende war, waren sie es, die zuerst den Aufbau beginnen mussten. Nicht umsonst sind es die Trümmerfrauen, die in die Geschichte eingegangen sind.
Ein weiterer Grund des Engagements der Frauen in Friedensorganisationen ist vielleicht der, dass Frauen bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts in klassischen politischen Strukturen wie Parteien und Parlamenten nicht genügend vertreten waren. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht erst 1918 durchgesetzt, bis heute sind die Frauen in Parteien und in politischen Organisationen in der Minderheit.

Ich werde in meinem Beitrag sowohl Frauen vorstellen, die sich selbst dem Kampf für den Frieden verschrieben haben, als auch solche, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, vor allem die Frauen zu gewinnen, für den Frieden aktiv zu werden.

Eine Frauenfriedensbewegung, die den Namen verdient, begann in Deutschland erst 1889 mit dem Roman „Die Waffen nieder“ von Bertha von Suttner. Bertha von Suttner (1843-1914) lernte als junges, adliges Mädchen französisch, englisch, italienisch, russisch und lebte mit ihrer jung verwitweten Mutter in den Metropolen Europas. Nachdem aus der angestrebten glänzenden Verbindung im europäischen Hochadel nichts geworden und das väterliche Erbe verbraucht war, begann sie mit 30 Jahren selbst Geld zu verdienen als Gouvernante. Daneben schriftstellerte sie. Sie heiratete und führte ein - für die damalige Zeit - sehr selbstbestimmtes Leben an der Seite ihres 7 Jahre jüngeren Ehemannes. 1892 gründete B.v.S., gemeinsam mit Alfred H. Fried, die Deutsche Friedensgesellschaft.
1905 bekam B.v.S. den Friedensnobelpreis zuerkannt.

In ihrem Roman „Die Waffen nieder“ schildert B.v.S. das Schicksal einer jungen Frau, deren Leben durch die Kriege der Jahre 1859, 1864, 1866 und 1870/71 in leidvoller Weise bestimmt war. Auch wenn das Buch für uns heute von der Sprache her gewöhnungsbedürftig ist - damals traf B.v.S. damit den Nerv der Zeit. Wie die Heldin im Buch auf dem Schlachtfeld nach ihrem verwundeten Gatten sucht und das Leiden und Sterben um sich herum miterlebt, hat ihre Zeitgenossen und vor allem Zeitgenossinnen tief berührt.
Vor allem Bertha von Suttners politische Schriften sind bis heute aktuell. Einige Beispiele aus ihrer Schrift „Rüstung und Überrüstung“, in der sie die Argumente der Rüstungsbefürworter entlarvt: Solange das gegenseitige Misstrauen bestehe müsse doch die Rüstung beibehalten werden... „Darum wird auch von den Rüstungsfreunden das Misstrauen genährt, geschürt, künstlich geschaffen. Den drohenden Krieg am Horizont braucht der Militarismus wie ein Stückchen Brot...Welche Anzeichen werden aber angeführt, um die bösen Absichten des Nachbarn zu beweisen? … Er vermehrt seine Rüstungen. Er konzentriert Truppen an der Grenze, er baut Forts, er legt Minen. Ja, das ist allerdings gefährlich. Er tut es zwar angeblich, um sich gegen unsere Forts und gegen unsere Minen zu schützen, der Bösewicht, aber wer wird ihm trauen? Also überbieten wir ihn und beweisen so unsere Friedensliebe....Die Vorbereitungen zum Krieg sind nie in solchen Dimensionen, nie in so unaufhaltsam steigenden Progressionen betrieben worden wie eben jetzt. Ziffern will ich gar nicht anführen – wenn die Zahlen in die Milliarden gehen, so versagt gewöhnlich die zur Auffassung nötige Einbildungskraft...“
Schließlich die Frage: „Welches sind die Faktoren, die die Rüstungsschraube in Bewegung setzen? Sind es die Völker, die danach verlangen? Mitnichten! Der Anstoß, die Förderung kommt immer aus dem Kriegsministerium mit der bekannten Begründung, dass andere Kriegsministerien vorangegangen sind, und der zweiten Begründung, dass man von Gefahr und Feinden umgeben ist. Das schafft eine Atmosphäre der Angst, aus der heraus die Bewilligungen erwachsen sollen. Und wer ist tätig, diese Angst zu verbreiten? Wieder die militärischen Kreise...Hinter den militärischen Kreisen stehen zwei mächtige Hilfskolonnen: die ganze Kriegsmetallurgie( heute: Rüstungskonzerne) und die Presse.“

Eine der bekanntesten Kriegsgegnerinnen war
Clara Zetkin (1857 – 1933) - prägende Initiatorin des Internationalen Frauentages - Mitorganisatorin der Internationalen sozialistischen Frauenkonferenz, die im März 1915 in Bern stattfand. Ein abschließendes Manifest forderte alle Frauen auf, ihren Protest gegen den Krieg zu verkünden. 300000 Exemplare dieses Manifestes wurden in über 100 Orten in Deutschland verteilt. Das Manifest ist überschrieben: „Frauen des arbeitenden Volkes!“ Es beginnt mit den Fragen: „Wo sind Eure Männer? Wo sind Eure Söhne?“ „Proletarierfrauen! Man hat euch gesagt, eure Männer und Söhne seien hinausgezogen, euch die schwachen Frauen, eure Kinder, euer Haus und euren Herd zu schützen. Wie ist die Wirklichkeit? Auf den Schultern der schwachen Frauen ist doppelte Last gehäuft... Eure Kinder hungern und frieren...Arbeiterfrauen, Arbeiterinnen! Die Männer der kriegführenden Länder sind zum Schweigen gebracht worden. Der Krieg hat ihr Bewusstsein getrübt, ihren Willen gelähmt, ihr ganzes Wesen entstellt. Aber ihr Frauen, die ihr neben der nagenden Sorge um eure Lieben im Felde, daheim Not und Elend ertragt, worauf wartet ihr noch, um euren Willen zum Frieden, euren Protest gegen den Krieg zu erheben? Was schreckt ihr zurück?Bisher habt ihr für eure Liebe geduldet, nun gilt es für eure Männer, für eure Söhne zu handeln. Genug des Mordens!“

Dieser Aufruf beinhaltet eine Argumentation, der wir in den nächsten Jahrzehnten immer wieder in Dokumenten der Frauen begegnen. Aufgrund ihrer Sorgearbeit für die Familie haben die Frauen einen emotionaleren Zugang zum Leben, sie leiden mehr unter dem Leiden ihrer Angehörigen. Sie sind es, die zu Hause übrig bleiben, wenn ihre Männer und Söhne im Krieg bleiben. An diese Erfahrung knüpfen die Forderungen der Friedensaktivistinnen an. Frauen, duldet nicht länger, handelt – ihr, die ihr mehr versteht von Liebe und Leben, handelt, handelt für eure Männer und Söhne.
Das Frauenmanifest setzte sich nicht durch, die Mehrheitssozialdemokratie lehnte die radikalen Forderungen der Frauen ab.
Clara Zetkin wurde wegen ihrer Antikriegsschriften verhaftet und des versuchten Landesverrates angeklagt.

Eine Bremer Kriegsgegnerin war Anna Pöhland (1874 – 1919). Sie kam vom Land und verdingte sich ab 1895 in Bremen als Dienstmädchen. 1898 lernte sie auf dem Silvesterball im Café Flora in Gröpelingen den Maurer Robert Pöhland kennen. Die beiden heirateten und bekamen fünf Kinder. Beide waren Sozialdemokraten und Kriegsgegner. Im Frühjahr 1915 wurde Robert eingezogen. Von da an schrieben sich die Eheleute fast täglich Briefe. Im Oktober 1916 fiel Robert in Frankreich. Die Briefe sind proletarische Widerstandsliteratur gegen den Krieg. Sie handeln vom Alltag im Krieg. Die Verzweiflung Roberts, angesichts der Barbarei des Krieges, ist ebenso Thema wie der Kampf um das Überleben einer Mutter mit 5 Kindern. Anna Pöhland schreibt an ihren Mann über
ein Ereignis, von dem die Bremer Bürgerzeitung vom 10.06.16. berichtete. „Frauen standen vor der
Schlachterei Borchers zu sechsen und mehr nebeneinander in einer Schlange, die etliche Straßenzüge lang war. Viele hatten sich schon um Mitternacht eingefunden, notgedrungen mit ihren

Kindern, um sich eine Platz zu sichern.“ Anna Pöhland dazu: “Du wirst wohl in der Zeitung von dem Verkauf von Knochen und Schälrippen bei Borchers gelesen haben....Da der Andrang an der Osterstraße nicht mehr zu bewältigen war, wurde nun auf dem Schlachthof der Verkauf eingerichtet. Du glaubst nicht, was für eine Menge von Frauen und Kindern da standen. Auch ich wollte etwas haben, doch als ich bereits eine Stunde dort gestanden hatte, hieß es, dass die Karten, die man sich erst lösen musste, verausgabt waren. Na, da waren wir mit einigen Genossinnen bereit zu demonstrieren. Wir gingen zu den Frauen und sagten, dass wir zur Lebensmittelkommission gehen wollten. Es dauerte eine Viertelstunde, da hatten wir einige hundert Frauen, die hinzogen. Ein junges Mädchen trat öfter aus dem Zug und rief: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!!!“ und wir riefen Hurah!! Kein Schutzmann mukste, sie waren sehr ernst. Ach Mensch, es war für mich ein Genuss, die Frauen mit ihren Körben und Taschen so erbittert zu sehen....Auch die Soldaten schienen sich zu freuen. Alle, die unter den jetzigen Zuständen so leiden, freuten sich.“ Die Frauen erreichten mit ihrer Demo eine kurzfristige Verbesserung ihrer Situation. Anna P. schreibt zusammenfassend: „Allen Leidenden hat es Mut gemacht.“
Geschichte von unten. Die Briefe zeugen – trotz aller Not und Sorgen - von einem historischen Optimismus. Anna und Robert tauschen sich aus über Kunst und Literatur, über Kindererziehung, über Beziehungen zwischen Mann und Frau und über sozialistische Zukunftsvorstellungen.

Die Aktivitäten v.a. der Frauen verfehlten ihre Wirkung nicht. In einem geheimen Schreiben des Kriegsministeriums heißt es 1916: „In großen, an Aufruhr grenzenden Massenansammlungen, an denen hauptsächlich Frauen beteiligt waren, erklang... der Ruf nach Brot und Frieden.“ Vom Standpunkt der Landesverteidigung seien diese Ereignisse Anlass zu ernsthafter Besorgnis. „Denn sie zeigen, dass die Einheit und Geschlossenheit der Bevölkerung in der Heimat, welche das Rückgrat für die Erfolge unserer Kampftruppen bildet, nicht ungefährdet ist.“

Die berühmteste Antimilitaristin des 1. Weltkrieges ist Rosa Luxemburg (1871 – 1919). Sie wurde wegen ihrer antimilitaristischen Haltung bereits unmittelbar vor dem Beginn des 1. Weltkrieges wegen Aufhetzung zum militärischen Ungehorsam verurteilt. Am 18.02.15 wurde sie verhaftet und saß mit kurzen Unterbrechungen während des gesamten Krieges bis zum Beginn der Novemberrevolution im Gefängnis. Auch während ihrer Haft setzte sie mit ihren Schriften unbeirrbar den Kampf gegen den imperialistischen Krieg fort, gegen den Patriotismus, auch der eigenen Partei (der SPD), und trat für die internationale Solidarität ein. Kurz nach ihrer Freilassung wurde sie im Jan. 1919 ermordet.

Die hier genannten sozialistischen bzw. kommunistischen Friedenskämpferinnen verbanden die Antikriegspropaganda immer mit dem Aufruf, den Sozialismus zu erkämpfen. Für sie war Frieden nur unter sozialistischen Gesellschaftsverhältnissen vorstellbar. Wie der französische Sozialist Jean Jaurès, der 1914 ermordet wurde, waren sie der Meinung, dass der Kapitalismus den Krieg in sich trägt wie die Wolke den Regen.

Unmittelbar nach dem Ende des 1. Weltkrieges war es für die meisten Menschen unvorstellbar, dass nach den furchtbaren Schrecken wieder jemand überhaupt nur an Krieg denken konnte. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass es bereits wieder Kräfte gab, die einen neuen Krieg vorbereiteten. 1923 war Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle in München. Kurz vorher fand in Freiburg im Breisgau der 1. Internationale Friedenskongress auf deutschem Boden statt, auf dem Frauen aber keine größere Rolle spielten. 1926 fand der Internationale Frauenkongress in Paris statt, auf dem ein ständiger Friedensausschuss gebildet wurde.
In dieser Zeit schuf die Künstlerin Käthe Kollwitz (1867 – 1945) viele ihrer aufrüttelnden Werke gegen den Krieg. Ihre Pietá, die Mutter mit dem toten Sohn auf dem Schoß, thematisiert die Trauer um die Liebsten, die im Krieg geblieben sind. Sie schuf aber auch agitatorische Werke. Ihr Plakat „Nie wieder Krieg“ wird bis heute von KriegsgegnerInnen in ihrem Kampf genutzt.

Die Angst vor einem neuen Krieg hat viele Menschen zu Hitlergegnern gemacht. Im Januar 1933, unmittelbar vor der Machtübertragung an die Nazis organisierte die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit eine Friedenskundgebung im Münchner Hofbräukeller. Eine Zeitzeugin berichtete: Die Massen strömten herbei. Letzte Appelle an das deutsche Volk, nicht sehenden Auges in sein Unglück zu rennen. Letzte Mahnung an deutsche Frauen:“Hitler bedeutet Krieg, schützt Eure Kinder, lasst Euch nicht von Phrasen bluffen, hinter diesen Phrasen steht die brutalste Gewaltpolitik, die ihr alle am eigenen Leib zu spüren bekommt. Gebt keine Stimme für Hitler...
Schließt Euch zusammen, organisiert Euch für Frieden und Freiheit.“ Vergeblich.

Während des Faschismus haben viele Männer und Frauen Widerstand geleistet. Für die meisten waren Faschismus und Krieg zwei Seiten einer Medaille.Viele Frauen mussten ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen. Stellvertretend seien hier genannt

Sophie Scholl (1921 – 1943),. Sie war Mitglied der studentischen Widerstandsorganisation „Weiße Rose“ in München. Sie verteilte Flugblätter, die aufforderten, das NS-Regime zu stürzen und den Krieg zu beenden. Wegen „Wehrkraftzersetzung“ wurde sie zum Tode verurteilt und ermordet.

Lilo Hermann (1909 – 1938). Schon als Jugendliche hatte sie sich bei den Kommunisten organisiert. Wegen einer Protestaktion gegen die Nazis an der Universität in Berlin, wurde sie vom Studium ausgeschlossen. Sie bekämpfte die Nazis aus dem Untergrund und klärte über die Kriegsvorbereitungen auf. Nach ihrer Enttarnung wurde sie gefangen genommen, gefoltert und schließlich als erste weibliche Widerstandskämpferin in Deutschland hingerichtet.

„Ist aus dem großen Sterben der große Frieden erwachsen?“ fragte eine der Organisatorinnen der Nachkriegsfriedensbewegung der Frauen. Die Antwort war ein deutliches Nein. Die Frauen begannen wieder sich für den Frieden zu organisieren. In Paris fand 1947 ein Internationaler Frauenkongress statt, der mit einer großen Friedenskundgebung endete.
1951 wurde in Nordrhein-Westfalen auf einem Frauen- und Mütterkongress die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung begründet. Ab 1952 erschien das Monatsblatt „Frau und Frieden“. Die WFFB war in der Zeit des Kalten Krieges Verleumdungen und Verfolgungen ausgesetzt. Sie wurde in einzelnen Bundesländern verboten und musste in langwierigen Prozessen um ihre organisatorische Existenz kämpfen. Klara-Marie Fassbinder, Redakteurin von „Frau und Frieden“, schreibt in einem Rückblick: „Dass wir uns durch alle Widerwärtigkeiten der politischen Entwicklung, durch alle Anfeindungen und Verleumdungen unserer Sache und der einzelnen Mitarbeiterinnen nicht beirren lassen, dass wir ein Müdesein immer wieder überwanden, erscheint mir als ein ganz besonderes Kennzeichen unserer Arbeit. Immer wieder haben wir die Zusammenarbeit mit anderen gesucht, sei es auf die Gemeinschaft des Friedensgedankens, sei es auf besondere Fraueninteressen gestützt.“

Wir haben heute als Gast Gerda Gonsior, früher Gerda Konjetzny, die in den 60er Jahren die Bremer Landesvorsitzende der WFFB war.
Sie berichtet über ihre Kindheit und Jugend während des Faschismus in einem unpolitischen Elternhaus. Am Ende des Krieges stand für sie fest: Nie mehr Krieg! Nie mehr Angst vor Bomben! Nie mehr die Flucht in die Bunker. Nach Bremen gekommen bekam sie Kontakt zu politisch aktiven Kriegsgegnern und beteiligte sich mehr und mehr an Antikriegsaktionen. Schließlich wurde sie Bremer Landesvorsitzende der WFFB. Sie schrieb Flugblätter, gab eine Antikriegsbuch mit heraus und organisierte auch überregionale Aktivitäten. Gut erinnert sie sich an eine europaweite Fahrt nach Den Haag, wo sich mehr als 700 Friedensfrauen zu einem „Gänsemarsch“ durch die Stadt formierten, jede einzelne mit einer Tulpe in der Hand. Die Blumen legten sie dann - zusammen mit ihrer Friedensbotschaft - vor einer Kongresshalle ab, in der Politiker über die Weltlage konferierten.

In Bremen gibt es weitere Beispiele für vorbildliche Frauenfriedensarbeit. 1982 schlossen sich Christinnen und Kommunistinnen für den Frieden zu einem Arbeitskreis zusammen. Auf Initiative der DKP trafen sich etwa 15 Frauen regelmäßig. „Wir Christinnen und Kommunistinnen arbeiten gemeinsam für den Frieden. In Sorge um die Generation unserer Kinder sind wir aufeinander zugegangen...An viele Fragen gehen wir unterschiedlich heran. Aber wir haben aus der Geschichte gelernt, dass wir nur gemeinsam stark sind ... Je länger wir miteinander friedenspolitische Fragen besprechen und Aktionen durchführen, umso deutlicher wird uns, dass wir – verschieden motiviert – die gleichen Ziele verfolgen, eine Welt, in der alle Güter gerecht verteilt sind, in der alle Menschen würdig leben können, in der die Völker unterschiedlicher Systeme sich achten und in der die Rüstung ein Relikt aus finsteren Zeiten sein wird.“ Regelmäßig wandten sich die Frauen mit eigenen Flugblättern und Aufrufen an die Bremer Öffentlichkeit und speziell an die Frauen. Auf einem Handzettel zeigt eine Zeichnung eine Frau, die auf einem Besen reitet, eine Hand zur Faust geballt, und fordert: Abrüstung! Aber dalli, dalli!
Zwei Vertreterinnen des Arbeitskreises, eine Kommunistin, eine Christin, waren ständige Mitglieder der Bremer Frauenrunde, einem Zusammenschluss von etwa 40 Organisationen und Einzelpersonen aus der Frauenbewegung. In Zusammenarbeit mit der Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden nahm die Gruppe an drei Kirchentagen der EKD teil.

Die Mahnwachenfrauen haben sich ursprünglich aus Zusammenhängen der Evangelischen Kirche in Bremen zusammengefunden, der Evangelischen Frauenhilfe. Seit 36 Jahren steht die Initiative jeden Donnerstag von 17.00 – 18.00 Uhr auf dem Bremer Marktplatz mit ihrem zentralen Transparent für Frieden und Gerechtigkeit. Dazu kommen die großen Umhängeschilder aus Pappe mit den aktuellen Losungen und Forderungen. Schon bald nach der Gründung der Mahnwache kamen Kommunistinnen dazu, später auch Frauen aus anderen politischen Zusammenhängen und noch später und bis heute eine ganze Reihe von Männern.

Großen Mut im Kampf für den Frieden haben auch zwei Frauen in Büchel bewiesen. In Büchel in der Eifel lagern ca. 20 amerikanische Atomwaffen. Ihr Einsatz, d.h. der Atombombenabwurf wird im Rahmen der „nuklearen Teilhabe“ von deutschen Soldaten geübt. Jedes Jahr gibt es vielfältige Protestaktionen vor dem Fliegerhorst Büchel. Im letzten Jahr ist es im Rahmen einer internationalen Protestaktion zwei US-Amerikanerinnen gelungen, das Gelände zu betreten. Es waren die beiden Nonnen Carol Gilbert und Ardeth Platte, Dominikanerinnen. Es gelang ihnen, dem militärischen US-amerikanischen Verantwortlichen ihre Protesterklärung zu übergeben. Die beiden Nonnen sind mutig und kampferprobt. Beide haben in den USA jeweils 7 ½ Jahre wegen ihrer Antiatomwaffenaktionen in Gefängnissen gesessen.

Ich will hier auch die kurdischen Frauen in Nordsyrien nennen. Sie sind es, die heute an vorderster Stelle gegen den türkischen Angriffskrieg kämpfen. Sie setzen ihr Leben ein in der Hoffnung auf Frieden und ein selbstbestimmtes Leben.

Am Ende meines Vortrages möchte ich noch ein paar persönliche Bemerkungen machen. Als ich über die Zeit des 1. Weltkrieges gesprochen habe, habe ich die Pöhlands erwähnt. Das Buch „Die Pöhlands im Krieg“ hat die Bremer Historikerin Doris Kachulle (1945 – 2005), Mitglied der DKP, herausgegeben. Wir verdanken ihr damit einen großen Schatz. Ihr großes Forschungsprojekt, eine Biographie über Waldemar Pabst, den Organisator der Ermordung von Rosa Luxemburg und späteren Rüstungslobbyisten, konnte sie wegen ihrer Krankheit nicht beenden.
Über Doris habe ich Aline Barthélémy kennengelernt. Ihre Stimme hat mich von Anfang an gefangen genommen. Inzwischen habe ich Aline bei vielen Anlässen singen gehört. Wann immer es ihr möglich ist, unterstützt sie mit ihren Liedern die Veranstaltungen von Antifaschisten und Friedensbewegten. Ihre Lieder verknüpfen unseren Kampf für Frieden und Gerechtigkeit mit dem Kampf der Menschen in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten. Ihre Lieder lassen internationale Solidarität lebendig werden.

Noch mal zurück zur Ausgangsfrage: Ist der Kampf um Frieden nun eine Frauensache? Ich denke, das hängt von den gesellschaftlichen Bedingungen ab, in denen die Frauen leben. In Gesellschaften, in denen nach wie vor die Frauen weit überwiegend oder sogar vollständig für das Überleben und Weiterleben der Kinder zuständig sind, ist die Friedensfrage für die Frauen elementar.
In den entwickelten kapitalistischen Ländern scheinen die Positionen zu Krieg und Frieden nicht mehr so eindeutig geschlechtsspezifisch zu sein. Männer sind mehr beteiligt an der Kindererziehung und die „Gleichberechtigung“ der Frauen ist so weit fortgeschritten, dass Frauen zur Bundeswehr gehen und dass Frauen Kriegsministerinnen sind. Aktuell in Deutschland Ursula von der Leyen, in Frankreich Florence Parly, in Spanien Maria Dolores de Cospedal Garcia, in Italien Roberta Pinotti.

Aber damit will ich meinen Vortrag nicht beenden. Ich will zurückkehren zu den Friedensfrauen. Eine der Mahnwächterinnen sagte mir über die spezielle Bedeutung der Frauen im Kampf für den Frieden: „Die Frauen sind meistens vorausgegangen“ Und noch etwas zeichnet die Frauen aus, wie Klara-Marie Fassbinder von der WFFB sagte: „dass wir ein Müdesein immer wieder überwanden, erscheint mir als ein ganz besonderes Kennzeichen unserer Arbeit. Immer wieder haben wir die Zusammenarbeit mit anderen gesucht, sei es auf die Gemeinschaft des Friedensgedankens, sei es auf besondere Fraueninteressen gestützt.“
Vielleicht können die Frauen noch einen speziellen Aspekt beitragen. Immer wieder bin ich darauf gestoßen, dass sie, mehr als ihre männlichen Kollegen, Liebe und Frieden zu ihrem Motto gemacht haben. Die Sängerin Joan Baez hat „peace and love“ zur Überschrift über ihr Werk gemacht. Und die in Kassel geborene Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Sozialistin Malwida von Meysenbug (1816 - 1903), die in ihren Schriften dem herrschenden Militarismus den Kampf ansagte und deshalb steckbrieflich gesucht wurde und ins Exil gehen musste, ließ auf ihren Grabstein in Rom als ihr Lebensmotto einmeißeln „Amore pace“. Liebe und Frieden.

Vortrag von Barbara Heller vom Bremer Friedensforum am 11. März 2018 im Nachbarschaftshaus "Helene Kaisen" in Bremen-Gröpelingen bei einer Veranstaltung der DKP zum Internationalen Frauentag
Erstellt am: 13.03.2018
Bilder:
barbara-heller Barbara Heller, Bremer Friedensforum
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