Gräberfeld

An die Mitglieder der Bremischen Bürgerschaft

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Schicksal der sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangenen steht weiterhin im Erinnerungsschatten.

Wir widersprechen der Auffassung von Bürgermeister Bovenschulte ausdrücklich. Anläßlich des Volkstrauertags sagte Bürgermeister Bovenschulte: "Betonen möchte ich auch, dass für mich die Frage eines würdigen Umgangs mit den Funden an der Reitbrake nicht vermengt werden darf mit der Frage, was auf der Reitbrake gebaut oder auch nicht gebaut wird."

Nur wird hier nichts vermengt. Die Geschichte ist untrennbarer Bestandteil des Ortes und ewig fest mit ihm verbunden.

Wir verwahren uns vor den wiederholten Unterstellungen, wir instrumentalisierten den Kriegsfriedhof. Richtig ist, dass der Bremer Senat erst jetzt mit archäologischen Grabungen tätig geworden ist, wo es um eine wirtschaftliche Verwertung des Grundstücks im Staatseigentum geht. Der begründete Verdacht von zurückgelassenen Kriegstoten ist den Behörden und dem Senat seit Jahrzehnten bekannt und wurde von unterschiedlichen Akteuren wiederholt und nachdrücklich vorgetragen. Vor dem Hintergrund des begründeten und bekannten Verdachts waren also vielmehr die Gleichgültigkeit und Geschichtsvergessenheit der Bremer Institutionen, die zu einem Angebot dieses Grundstücks ausgerechnet an Alstom und ausgerechnet für eine Bahnwerkstatt geführt haben. Wir dürfen in diesem Zusammenhang an den Eklat erinnern, der der Deutschen Bahn widerfuhr, als sie geschichtsvergessen einen ICE nach Anne Frank benennen wollte. Die ehemals zuständigen Senatoren Günthner, Lohse und der Bürgermeister Sieling und die von Ihnen geführten Behörden haben hier nicht hingeschaut. Wir können uns nicht vorstellen, dass sie alle keine Kenntnis von der Geschichte dieses Ortes gehabt haben. Dies gilt auch für die aktuellen politischen Akteure.

Wahr ist auch, dass die Senatskanzlei Ihren wachen Geist, sehr geehrte Abgeordnete, mit Euphemismen bedient: Die Senatskanzlei spricht von „Streufunden“, wo es über 2.000 Knochenfunde - Oberschenkelknochen, Becken, Schädel - gibt. Es wird behauptet, es gäbe keine "Massengräber", dabei gibt es „Kameradengräber“. Die Skelette in ihnen müssen sorgsam voneinander getrennt werden, so ineinander verkeilt sind sie. Es wurde angekündigt, dass von einer Bebauung abgesehen werden soll, wenn ganze Skelette gefunden werden. Nun wurden neun Skelette gefunden, aber der Bürgermeister mag sich nicht mehr daran erinnern, verweist auf das russische Konsulat und versucht seine Entscheidung zu delegieren. Warum wird von einer Friedhofsgrösse von 3.500 Quadratmetern gesprochen, wenn bekannt ist, dass der Friedhof tatsächlich eine Größe von 20.000 Quadratmetern hat. Dieselben Kenner der Friedhofshistorie, die seit langem und zu recht Grabungen forderten, gehen - wie wir auch - davon aus, dass Leichname auf dem gesamten Areal und nicht nur auf dem sogenannten "Kernfriedhof" zu finden sind. Warum wird der Beschluss zur Grabung nicht offen gelegt? Unser diesbezügliche IFG-Antrag ist seit Juli 2021 - über sechs Monate - unbeantwortet. Ursprünglich sollten die vermissten 300 Leichname gesucht werden. Polizisten hatten 1946 eine sehr präzises Protokoll erstellt, welches Grundlage dieser Suche war. Durch Querverweise zu anderen Quellen und zu den Funden der Grabung konnte die hohe Qualität des Protokolls bestätigt werden. Dennoch wird nun behauptet, dass sich der Polizist ausgerechnet bei der wichtigsten Zahl geirrt hätte. Das ist unplausibel. Die Suche nach den weiterhin mindestens 300 vermissten Leichnamen soll daher eingestellt werden, wenn sie nicht auf dem Kernfriedhof gefunden werden können.

Auch wird Ihnen von der Senatskanzlei vorenthalten, dass wir nahezu 400 Personen namentlich nachweisen konnten, die hier beigesetzt wurden. Wir haben die Daten transparent aufgearbeitet. Zu fast jedem Datensatz gibt es einen Internetlink, der zur jeweiligen historischen Personalkarte führt. Es wäre ein einfaches, die Daten zu verifizieren und Ihnen zu berichten. Eine Prüfung, ob sich unter den Opfern auch jüdische Rotarmisten befunden haben ist ebenfalls bisher unterblieben. Dabei stammen viele gebürtig aus dem sogenannten jüdischen Ansiedlungsrayon.

Am 27. Januar gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus. Es wäre den Mitgliedern der Bremischen Bürgerschaft eine Pflicht gewesen, zum sogenannten „Russenfriedhof“ zu debattieren. Es wäre wichtig gewesen, wenn Sie informiert, engagiert und mit Herzblut darüber gestritten hätten, wie wir dieser nun wieder aufgefunden Opfer in Zukunft gedenken wollen. Es wäre das Mindeste gewesen, was man den Opfern als Anerkennung aus diesem hohen Haus hätte geben können. Stattdessen wird zur Tagesordnung übergegangen.

Die Unterzeichner waren auf Einladung des Auschwitz-Komitees am vergangenen Sonntag in Hamburg und haben zu den Vorkommnissen hier in Bremen berichtet. Die Anwesenden - zum Teil Zeitzeugen und selbst Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft - zeigten sich allesamt fassungslos. In Hamburg gab es gerade erst die Entscheidung, dass es unvereinbar ist, im selben Hause ein NS-Dokumentationszentrum einzurichten, in welchem auch der Nachfolger eines NS-Kriegsprofiteur seine Büroräumlichkeiten hat. Esther Bejarano hatte sich hierfür persönlich eingesetzt. In Bremen soll nun das Nachfolgeunternehmen eines NS-Kriegsprofiteurs eine Bahnwerkstatt auf einer Kriegsgräberstätte errichten. Bei diesem Thema kann nicht mit zweierlei Maße gemessen werden! Und die Bewertung kann nicht davon abhängig gemacht werden, wer sich warum für die Erinnerung einsetzt. Die Bewertung muss universell sein. Die letzten Zeitzeugen werden in den kommenden Jahren sterben. Sie sollten uns lange genug begleitet haben, dass wir als Deutsche endlich verstanden, einen moralischen Kompass ausgebildet und unsere Pflicht zur ständigen Mahnung angenommen haben.

Wir schicken Ihnen daher unsere Medienübersicht zum „Russenfriedhof“ und zur „Bahnwerkstatt“, die die Relevanz des Themas unterstreicht. Das Spektrum der Beiträge reicht von konservativen FAZ bis zur linken taz, und wird von russischen Medien ergänzt. Und wir verweisen auf unsere Veröffentlichungen mit allen bereits angesprochenen Daten, die Sie auf den Seiten den Bremer Friedensforums finden: https://www.bremerfriedensforum.de/graeberfeld/

Wir appellieren an Sie in Ihrer Funktion als Vertreter der Bürger:innen dieser Stadt: Informieren Sie sich! Seien Sie kritisch mit der Regierung und gerne auch mit uns! Lassen Sie uns als Stadtgesellschaft um die beste Lösung klug und beherzt streiten! Lassen Sie unabhängige Historiker, Völkerrechtler, Ethiker und Opferverbände an dem Diskurs teilhaben und Empfehlungen zum weiteren Umgang geben! Werden Sie aktiv! Nur ignorieren Sie das Thema und damit das Schicksal dieser Opfer des Nationalsozialismus und die Taten der Nationalsozialisten nicht! Ignoranz wäre die schlimmste Entwürdigung, welche die Opfer und ihre Angehörigen nun noch erfahren können.

Bremen, den 26. Januar 2022

Dieter Winge
Ekkehard Lentz

Download: Übersicht zu Medienveröffentlichungen
Erstellt am: 30.01.2022
Bilder:
23:40:52
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