Papierskulpturen

Friedensreiter 1648 ist fertig

Der Bremer Künstler Walter Ruffler hat eine weitere friedenspolitische mechanische Papierskulptur angefertigt, den Bausatz des "Friedensreiters 1648": drei Ausschneidebogen, zwei Seiten Bauanleitung und ein Deckblatt mit Foto der fertigen Skulptur. Der Artikel zum Modell mit historischem und aktuellem Bezug und Modellbeschreibung, wird - mit entsprechenden Fotos - in der Jahrespublikation des gemeinnützigen Vereins "Arbeitskreis Geschichte des Kartonmodellbaus e.V." veröffentlicht. Für den Zusammenbau werden ein 20cm langer Schaschlikspieß, einige Zahnstocher und zwei Fäden benötigt.

Friedensreiter 1648

Ein mechanischer Ausschneidebogen


1. Das Motiv des Friedensboten

Meine mechanische Papierskulptur „Friedensreiter 1648“ bezieht sich auf das historische Ereignis des „Westfälischen Friedens“, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Die Friedensverhandlungen zwischen den verschiedenen Konfliktparteien fanden in Osnabrück und Münster statt, und für die Kommunikation zwischen den Delegationen waren reitende Boten unerlässlich und trugen so zum Gelingen des Friedensprozesses bei. Nach Abschluss der Friedensverträge am 24. Oktober 1648 in Münster wurde die frohe Kunde vom Ende des Krieges durch Postreiter zu den Hauptstädten Europas, zu den Befehlshabern der immer noch unverdrossen kämpfenden Truppen und zu den Menschen im Lande getragen.

Gestalterische Anregungen für „meinen“ Friedensreiter habe ich durch zwei zeitgenössische Holzschnitte erhalten, die damals als Flugblatt verbreitet wurden. Sie zeigen beide das gleiche Motiv: Ein kaiserlicher Postreiter eilt mit seinem Pferd in den nächsten Ort, sein Hornstoß kündigt seine baldige Ankunft an. Er überbringt die Nachricht des Westfälischen Friedens. Der von rechts herbeischwebende Götterbote Merkur1 überreicht ihm die Friedensbotschaft, während links, ebenfalls schwebend, die geflügelte Göttin Fama2 die Trompete bläst. Der erste kolorierte Holzschnitt stammt vom Augsburger Holzschneider, Stecher, Briefmaler und Verleger Marx Anton Hannas (gest. 1676).3 Der zweite Holzschnitt ist mit einem dreispaltigen Gedicht versehen, das die Vorteile des Friedens für Kunst, Religion, Wirtschaft und überhaupt schildert.4 Von diesem zweiten Holzschnitt gibt es neben der schwarz-weißen Fassung auch unterschiedlich kolorierte Varianten. Der Autor ist unbekannt. Hinsichtlich des Vorder- und Hintergrundes gibt es Unterschiede zwischen beiden Drucken, was aber für meine Papierskulptur ohne Belang war, da ich mich auf Ross und Reiter konzentrierte.

Die Botschaft vom Frieden hat einen geradezu archetypischen Charakter, denn darin artikuliert sich die Sehnsucht des „kleinen Mannes“, der in der Regel bei Kriegen lediglich draufzahlt, während die Rüstungswirtschaft ihre Profite steigert. Eine Friedensbotschaft von höchster Stelle, die in christlich geprägten Ländern jedes Jahr im Rahmen der Weihnachtsgeschichte rezipiert wird, findet sich im Lukasevangelium. Ein Engel erscheint den Hirten auf dem Felde und verkündet die Geburt des Heilands, und dann folgt das finale furioso:
"Und auf einmal war bei dem Engel die Menge des himmlischen Heeres, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in den Höhen, und Friede auf Erden unter den Menschen, an denen Gott ein Wohlgefallen hat.“5

2. Die Aktualität des „Friedensreiters“

Gibt man den Begriff "Friedensreiter" im Internet ein, so erhält man zum Teil überraschende Ergebnisse. Erstaunlich ist die vielfältige kommerzielle Verwendung des Begriffes. Vom "Friedensreiter Bräu" über die Skulptur eines Friedensreiters aus Edelstahl V2A auf einem Sockel aus Westerwälder Steinzeugton für 55,00 € bis zu den modernen Friedensreitern auf Drahteseln der Rotary Clubs "RC Friedensstadt Osnabrück" und "RC Münster 1648".6

Leibhaftige Friedensreiter auf echten Pferden sind die Aktivisten der "Initiative Reiterinnen und Reiter für den Frieden", die seit 1984 jährliche Friedensritte in verschiedenen Regionen der Bundesrepublik durchführen: "Politisches Engagement mit dem Spaß am Wanderreiten und Radwandern zu verbinden - das ist die Idee des Friedensritts." Auf ihrem Weg unterstützen sie örtliche Initiativen mit Musik und Straßentheater bei ihrem Protest vor Militäreinrichtungen oder Atomanlagen, auf Marktplätzen und in Fußgängerzonen. Vom 21.-30.07.2017 waren die Friedensreiter in Bremen und wandten sich gemeinsam mit dem Bremer Friedensforum gegen Rüstungsproduktion und Rüstungsexport unter dem Motto: "Stoppt das Geschäft mit dem Tod! Nehmt den Kriegen die Waffen!"7

3. Das Kartonmodell „Friedensreiter 1648“

3.1. Wie die Idee entstand

Die Idee zur mechanischen Papierskulptur des Friedensreiters entstand im Rahmen meiner Kontakte zum Bremer Friedensforum, einem Zusammenschluss von friedenspolitisch und antimilitaristisch eingestellten Gruppen und Einzelpersonen. Über sein Selbstverständnis und seine Aktivitäten informiert das 1983 gegründete Friedensforum auf seiner Website www.bremerfriedensforum.de

Der Friedensreiter - Bausatz soll vom Friedenskampf ermatteten Aktivisten zu einigen Stunden der Entspannung beim Ausschneiden, Knicken und Zusammenkleben verhelfen und zu einem Erfolgsgefühl beim Drehen der Kurbel, die Ross und Reiter in Bewegung versetzt. Darüber hinaus soll das unerwartete Objekt des Friedensreiters Aufmerksamkeit und Interesse erwecken bei der öffentlichen Friedensarbeit. Der Friedensreiter ist das zweite Motiv in der Reihe friedenspolitischer paper automata für das Bremer Friedensforum. Das erste Motiv war eine Friedenstaube, die beim Drehen der Kurbel losfliegt. Der Bausatz kann kostenlos von der Website des Friedensforums heruntergeladen werden.8

Das nächste Projekt ist der mechanische Bausatz eines Drohnenbeobachters, denn führende deutsche Militärs wie Generalleutnant Erich Pfeffer (*1958), der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, fordern die Beschaffung von bewaffneten Drohnen für den "Schutz der Truppe" bei Auslandseinsätzen.9 Auf Auslandseinsätze wie in Afghanistan und Mali gänzlich zu verzichten, scheint offenbar keine Option zu sein.

3.2. Die Entmilitarisierung eines Kriegers

Vor etlichen Jahren hatte ich für den Shop des Überseemuseums in Bremen den mechanischen Modellbogen eines Samurai entworfen, dessen Pferd auf die Hinterhand steigt, während er abwehrbereit sein Schwert hebt. Auch das Pferd des Friedensreiters steigt auf, doch statt eines Schwertes hebt er das Posthorn. So lag es nahe, diesen Bausatz als konstruktive Grundlage für den Friedensreiter zu nehmen. Nötig wurden einige Adaptionen. Mein Samurai reitet nach links, der Friedensreiter dagegen sollte wie auf den Holzschnitten nach rechts wegreiten, also mussten der Sockel mit dem Antrieb sowie Ross und Reiter gespiegelt werden. Das Zaumzeug des Pferdes, Sattel und Satteldecke, Mähne und Schwanz wurden gestalterisch der historischen Vorlage angepasst. Die äußere Form des Reiters blieb erhalten, aber Panzerung und Bewaffnung des Samurai wurden entfernt. Der Reiter wurde neu eingekleidet: Eine Hose mit Streifen und Strümpfe, die etwas aus den Stulpenstiefeln hervorschauen, Wams mit Gürtel, Mantel, weiße Handschuhe, in der rechten Hand das Posthorn, der zeitgenössische steife weiße Kragen um den Hals, langes Haar, Schnurrbart und ein Hut mit wallender Feder.

3.3. Der Modellbaubogen

Das Modell umfasst 75 Teile auf drei Ausschneidebogen DIN A4, zwei Seiten Bauanleitung und ein Deckblatt mit einem Foto der Skulptur. Die Teile sind entsprechend der Reihenfolge beim Zusammenbau nummeriert. Die Bauanleitung besteht aus Schritt - für - Schritt - Zeichnungen mit kurzen textlichen Erläuterungen. Die erste Baugruppe "Sockel und Antrieb" umfasst 24 Teile, das Pferd besteht aus 26 Teilen und der Reitersmann aus 25 Teilen. Dem Bau des Antriebsmechanismus dient ein Schaschlikspieß als bewegter und bewegender Hebel (Länge 20cm, Durchmesser 3mm), als Gelenke liegen 6 Zahnstocher bei. Benötigt werden zwei Fäden für die Bewegung der Vorderbeine des Pferdes und des rechten Arms des Postillions. Die fertige Skulptur hat die Maße 20 x 6 x 30cm.

3.4. Mechanik und Bewegungsablauf

Als Antrieb wählte ich einen Kurbelgleiter, der aus einer Kurbel und einem daran beweglich befestigten Hebel (Schaschlikspieß) besteht. Der Schaschlikspieß wird durch einen Schlitz in der Deckplatte des Sockels geführt und ist beweglich an einem Zahnstocher im Hals des Pferdes befestigt. Dreht man die Kurbel, dann wird das Pferd angehoben, wobei sich auch Hals und Kopf nach vorn bewegen. Der Reiter ist mit seiner linken Hand am oben erwähnten Zahnstocher im Hals des Pferdes befestigt und wird in die Bewegung des Pferdehalses einbezogen, wobei der Arm in der Schulter durch ein Zahnstocher-Gelenk beweglich ist, und die Füße des Reiters sind im Bereich der Steigbügel durch Zahnstocher beweglich im Pferd gelagert, so dass sich der Postillion auch etwas aus dem Sattel erheben kann. Die Vorderbeine des Pferdes und der rechte Arm des Postillions mit dem Signalhorn sind durch Fäden mit der Deckplatte des Sockels verbunden. Werden nun Pferd und Reiter durch den Kurbelgleiter angehoben, straffen sich die Fäden und die Vorderbeine des Pferde werden angehoben und der Postillion führt das Posthorn zum Mund. Technisch gesprochen sind diese Körperteile zweiseitige Hebel, und wenn man eine Seite des Hebel nach unten zieht (den Kraftarm), schwingt die andere Seite des Hebels nach oben (der Lastarm). Dreht man die Kurbel weiter in die Ausgangsstellung und vollendet die 360° Drehung, stellt sich das Pferd wieder auf die Vorderbeine, der Friedensreiter setzt sich wieder auf den Sattel und senkt den rechten Arm mit dem Posthorn.

3.5. Gestalterische Entscheidungen

Die historischen Holzschnitte sind nicht einheitlich koloriert. Offenbar war den Künstlern die tatsächliche Farbgebung der Uniformen nicht bekannt oder sie variierte tatsächlich. Also habe ich mich für eine Farbgebung entschieden, die mir gefällig erschien. Das Pferd wurde hellbraun mit gelber Mähne und gelbem Schweif, das Zaumzeug dunkelbraun, der Reiter erhielt eine grüne Hose mit hellgrünen Streifen das Wams wurde violett, die Jacke hellblau, der Hut anthrazitgrau mit roter Feder. Der Hut hat die Form eines Kegelstumpfes. Hier war die Konstruktion der Mantelfläche des Kegelstumpfes eine Herausforderung.

4. Ausblick

Der Friedensreiter ist auf der Website des Friedensforums und meiner eigenen www.walterruffler.de als Download verfügbar. Hoffen wir, dass der Friedensreiter - Modellbaubogen seinen Beitrag zur friedenspolitischen Bewusstseinsbildung leisten wird: Das historische Beispiel des Dreißigjährigen Krieges mit all seinen Schrecken und Verwüstungen zeigt, dass friedliche Konfliktlösung und Versöhnung die bessere Alternative darstellen.


Download: Bogen1

Download: Bogen2

Download: Bogen3

Download: Bogen4

Download: Bogen5

Download: Bogen6
Erstellt am: 08.01.2022
22:30:58
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