Gräberfeld

Pressemitteilung vom 3. Dezember 2021


Russenfriedhof, Exhumierung war unvollständig – Funde in jedem Grab

Bremer Landesarchäologin berichtet über die Grabungen in Bremen-Oslebshausen "Schlimmes Kapitel bremischer Geschichte"

Die Grabungen an der Reitbrake brauchen mehr Zeit. Die Landesarchäologin schafft es nicht bis März. Mittlerweile wird mit einem Abschluss gegebenenfalls auch erst im Frühsommer kommenden Jahres gerechnet. Grund hierfür sind die zahlreichen Funde. In jedem Grab, dass geöffnet wird, finden sich Körperteile. Zum Teil sind die „Individuen“ so „dicht an dicht zusammengepackt, dass sie erst vorsichtig getrennt werden müssen“ berichtet die Landesarchäologin Prof. Dr. Halle. Und weiter: „Jedes Grab ist zur Zeit eine Überraschung.“

Der Abgeordnete Claas Rohmeyer (CDU) bewertete die Festlegung des Bürgermeisters Andreas Bovenschulte für eine Gedenkstätte in Osterholz zu einem so frühen Zeitpunkt als „irritierend“.

Die Fraktion Die Linke hatte zur Vorbereitung der Kulturdeputation die Grabung in Bremen-Oslebshausen besucht und sich ein Bild von den Arbeiten gemacht. Für die Abgeordnete Miriam Strunge (Die Linke) „ist es noch zu früh, für eine politische Bewertung“. Zunächst ist der Abschluss und die Auswertung der Grabung abzuwarten, um zu entscheiden, an welchem Ort die Gedenkstätte zu errichten ist. Sie wünscht sich gemeinsame Beratungen, um darüber zu nachzudenken, „was der Situation angemessen ist, um ein würdiges Gedenken auch wirklich zu ermöglichen.“

Staatsrätin Carmen Emigholz sagte: „Es ist vollkommen klar, sollte tatsächlich ein vollständiges Skelett gefunden werden, ist die Lage anders zu bewerten. Das wissen wir alle – auch der Bürgermeister.“

Für Dieter Winge sind diese Aussagen politische Nebelkerzen: „Genau hier irrt sich Frau Emigholz oder es ist eine bewusste Irreführung der Presse und der Bevölkerung. Der Bremer Senat sollte wissen, dass es völkerrechtlich unerheblich, ist ob ganze Skelette, wichtige Knochen, nur Knochenfragmente oder eben nichts gefunden wird. Relevant ist allein, ob hier Tote bestattet wurden und ob die Leichname rechtzeitig exhumiert und umgebettet wurden. Hier kann man nicht von einer Exhumierung sprechen – und auch nicht von einer nur unvollständigen.“

Ekkehard Lentz zeigte sich nach der Kulturdeputation erschrocken: „Es hörte sich so an, als wären die Leichname 1948 brutal auseinandergerissen worden. Mal blieben Fußknochen, mal Schultern, mal ein ganzer Schädel zurück, wie es die Landesarchäologin beschreibt. Es muss bei der Exhumierung völliges Chaos geherrscht haben. Ich bin fassungslos. In jedem Grab werden sterbliche Überreste gefunden.“

Das Bremer Friedensforum und die Bürgerinitiative fordern den Rechtsausschuss unter Vorsitz der Bürgerschaftsvizepräsidentin Antje Grotheer (SPD) auf, sich endlich mit der Frage zu befassen, ob die Ansiedlung einer Bahnwerkstatt auf dem Gelände Reitbrake in Bremen-Oslebshausen gegen das internationale humanitäre Völkerrecht, das Völkerstrafgesetzbuch, das Grundgesetz, andere Rechtsnormen und bestehende internationale Verträge des Bundes verstößt. Die Rechtsgutachten von Herrn Prof. Dr. Robert Heinsch (Universität Leiden) sowie das vom Bremer Friedensforum angekündigte Rechtsgutachten von Herrn Prof. Dr. Thilo Marauhn (Universität Gießen) bestätigen die Völkerrechtswidrigkeit des Vorhabens.



HINTERGRUND


Für das Gelände in Oslebshausen soll eine Gedenkstätte konzipiert werden. In unmittelbarer Nähe zum wiederentdeckten Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterfriedhof lag die größte Ansammlung von Lagern für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in der Rüstungsstadt Bremen.

Der französische Schienenfahrzeughersteller Alstom beabsichtigt mit Unterstützung des Bremer Senats eine Bahnwerkstatt mit Abstellanlage in Bremen-Oslebshausen bis zum Jahr 2024 auf dem Gelände zu errichten. Die Investition ist Teil eines 760 Millionen Euro schweren Auftrags.

Alstom ist Rechtsnachfolgerin von mehreren kriegsverbrecherischen Bahnherstellern wie der Linke-Hofmann-Werke. Einem Unternehmen, dass Zwangsarbeiter u.a. des KZ Groß-Rosen einsetzte. Die von diesem Unternehmen produzierten Vieh- und Güterwaggons haben sich wie die Verbrennungsöfen und Gaskammern als Symbol für Shoa und Schreckensherrschaft der Nazis in das kollektive Gedächtnis eingeprägt.

Im Frühling dieses Jahres haben Friedensforum und Bürgerinitiative die Behörden auf den zentralen Friedhof für sowjetische Kriegsopfer aufmerksam gemacht. Die Stadt Bremen hatte die Existenz vergessen und zunächst geleugnet. Die Aktivisten konnten bis heute über 400 sowjetische Opfer des Nationalsozialismus, die dort bestattet wurden, namentlich identifizieren. (https://rb.gy/y7g3xq , https://rb.gy/n51ele)

Grundlage der Nachforschung waren historische Ausarbeitungen von Harry Winkel und Peter-Michael Meiners (rb.gy/ofciot).


Für weiterführende Recherchen:


Prof. Dr. Uta Halle
Leiterin Landesarchäologie Bremen
+ 49 (0) 421 361 14238
uta.halle@landesarchaeologie.bremen.de

Kartenmaterial und Grafiken:

Die Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu visualisiert mittels Datawrapper wichtige Zusammenhänge rund um die Themen Bahnwerkstatt und sowjetische Kriegsgräberstätte mit Datawrapper (www.datawrapper.com). Alle Darstellungen werden honorarfrei und frei zur weiteren Bearbeitung durch die Bildredaktionen auch auf der Plattform River (river.datawrapper.de) als Service zur Verfügung gestellt. Die Grafiken sind mit dem Suchbegriff „oslebshausen“ leicht zu finden.


Kartenabruf: 20211114_BI Orte-des-Verbrechens-in-Bremen-Oslebshausen_noE.png

https://www.datawrapper.de/_/fLQXU/

Bildunterschrift: Lage der NS-Internierungslager in Bremen-Oslebshausen, des „Russenfriedhofs“ und des aktuell archäologisch untersuchten „Kernfriedhofs“ sowie des Projektareals für die Bahnwerkstatt.

Karte: Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu (honorarfrei)

Zur Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu

Wir sind Anwohnerinnen und Anwohner von Grambke, Gröpelingen und Oslebshausen und setzen uns für die Lebensqualität in unserem Stadtteil ein.

Als Bürgerinnen und Bürger eines überparteilichen Bündnisses machen wir gezielt auf unsere Belange aufmerksam.

Von der Politik fordern wir, sich intensiver mit den Belangen unseres Stadtteils zu befassen. Wir wollen beitragen, ökologische und soziale Lösungsalternativen für die drängenden Probleme unseres Wohnorts zu finden.

Pressekontakt: Dieter Winge – Tel.: 0179 379 6615 – Mail: info@bi-oslebshausen.de



Bremer Friedensforum

Das Bremer Friedensforum wurde 1983 in der Auseinandersetzung um den so genannten Nachrüstungsbeschluss der NATO gegründet.

Regelmäßige Aktivitäten des Bremer Friedensforums, wie Ostermärsche, Mahnwachen zu den Jahrestagen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, Antikriegstagsveranstaltungen, aktuelle Themenabende und Unterschriftensammlungen, werden auf den monatlichen Treffen beraten und vorbereitet. Die Bildung von neuen Arbeitsgruppen und Gesprächskreisen ist möglich, so dass auch Neueinsteigern das Einleben erleichtert wird. Das Friedensforum versteht sich als Bürgerinitiative und als Teil der weltweiten Friedensbewegung und ist von Parteien und Organisationen unabhängig. Mit anderen Gruppen in Bremen und im Bund wird zusammengearbeitet.

Das Bremer Friedensforum arbeitet auf ehrenamtlicher Basis und wird durch Spenden finanziert.

Pressekontakt: Ekkehard Lentz – Tel.: 0173 419 43 20 –
Mail: info@bremerfriedensforum.de


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