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Pressemitteilung vom 11. September 2021


Gemeinsame Pressemitteilung der Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu und des Bremer Friedensforums

Zum Tag des offenen Denkmals am 12.09.2021
460 sowjetische NS-Opfer des Friedhofs am
Oslebshauser Bahndamm namentlich identifiziert


Die Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu sowie das Bremer Friedensforum unterstützen die historische Aufklärung um den sogenannten „Russenfriedhof“ und leisten einen Beitrag Aufarbeitung der Verbrechen des damaligen Bremer Senats

  • 460 NS-Opfer sind namentlich identifiziert – sie starben größtenteils in einem Alter von unter 30 Jahren
  • Bremer NS-Bausenator Fischer für den Tod von mehr als 200 nun namentlich bekannten sowjetischen Kriegsgefangenen unmittelbar verantwortlich
  • Mindestens weitere 800 Namen werden in den Archiven vermutet – hierbei
    mindestens 315 Opfer der Fleckfieberepidemie 1941/42
  • Weitere Informationen werden in den Archiven der Bausenatorin, des Finanzsenators sowie des Staatsarchivs und des Bundesarchivs vermutet
  • Aufarbeitung der NS-Geschichte der Bremer Behörden gefordert (Einsetzung einer
    Historikerkommission)

Die Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu sowie das Bremer Friedensforum fordern weiterhin eine wahrhaftige, schonungslose, präzise und transparente Aufarbeitung der Geschichte des sogenannten „Russenfriedhofs“ und der hier bestatteten NS-Opfer.

Die Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu und das Bremer Friedensforum hat die Recherche nach den NS-Opfern des sowjetischen Gräberfeldes intensiv fortgeführt. Der sogenannte "Russenfriedhof" war der zentrale Bestattungsort für sowjetische Kriegsgefangenen in Bremen. Dieser Friedhof war wesentlicher Bestandteil der größten Ansammlung von Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlagern in Bremen. Bis heute konnten über 460 NS-Opfer namentlich identifiziert werden. Für knapp 400 namentlich identifizierte NS-Opfer ist eine Bestattung auf dem Gelände am Bahndamm in den historischen Personalkarten dokumentiert. Schätzungsweise über 800 weitere NS-Opfer legen weitere in der Recherche ermittelte historische Personalkarten nahe. Darüber hinaus könnte es weitere Personalkarten geben, die von den Nazis in der Endphase des Dritten Reichs vernichtet wurden.

Über 220 NS-Opfer sind beim Einsatz für den damaligen Bremer Bausenator in den Arbeitskommandos Bremen Grambke AK 160 (190 NS-Opfer) und Grambker Heerstraße AK 1237 (33 NS-Opfer) ums Leben gekommen. Weitere Arbeitskommandos waren u.a. Francke-Werke AK 5940 (44 NS-Opfer), Focke-Wulf AK 5890 (24 NS-Opfer), D.R.-Bahn Bautrupp AK 45 (16 NS-Opfer) sowie die Borgward Werke AK 5889 (4 NS-Opfer).

Die Personalkarten weisen 386 russische, 22 ukrainische und 5 weißrussische und weitere Opfer anderer Nationalitäten der Sowjetunion aus.

Die Opfer wurden größtenteils keine 30 Jahre alt. So starben 12 Opfer zwischen dem 17. und 20. Lebensjahr, 152 Opfer zwischen dem 21. und 25. und 106 Opfer zwischen dem 26. und 30. Lebensjahr.

Vermutlich konnten bislang nur 56 der mindestens 371 Opfer der Fleckfieberepidemie 1941/42 namentlich identifiziert werden. 315 Opfer der Epidemie bleiben bis auf weiteres namentlich unbekannt.

Keiner der identifizierten Namen ist in der offiziellen Registerkarte des Friedhofsamtes (Ressort SKUMS) vom 27.02.2012 für die Russische Föderation aufgeführt. Es ist davon auszugehen, dass die Angehörigen der NS-Opfer bis heute darüber im Unklaren sind, wo sich die letzte Ruhestätte befindet. Anstrengungen Bremens diesem Missstand abzuhelfen und hierfür die zwischenzeitlich zusammengetragenen und veröffentlichen Informationen in Archiven, wie MEMORIAL oder Arolsen Archives zu nutzen, sind nicht bekannt. Die vorliegende Namensaufstellung zeigt beispielhaft, welche Informationen heute aus öffentlichen Quellen zusammengetragen und in Kontext gebracht werden können.

Es ist davon auszugehen, dass auch das Bremer Staatsarchiv, die Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau sowie der Senator für Finanzen dazu beitragen können, weitere NS-Opfer namentlich zu identifizieren, die in Bremen umgekommen sind und auf dem Friedhof in Oslebshausen bestattet wurden. Es gehörte zum perfiden System der Ausbeutung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, unverhältnismäßig geringe Lohnzahlungen vorzunehmen. Hierfür wurden die Lohnempfänger entsprechend registriert. Diese Unterlagen müssen beispielsweise noch im Bestand des Senators der Finanzen vorliegen. Auch ist bekannt, dass das Staatsarchiv aufgrund chronischen Personalmangels bislang bei weitem noch nicht alle relevanten Dokumente zum Thema "Kriegsgefangene in Bremen" sichten konnte. Wir erwarten uns hier weitere aufzufindende Dokumente und detaillierte Informationen über Zwangsarbeiterwirtschaft, wie beispielsweise: Lagerlisten, Bewachungspersonal, Überführung in die Stalag, Lazarettaufenthalte und Todesfälle/-ursachen, Dokumentation der Exhumierung mit Protokollen und Fotos.

Wir fordern den Bremer Senat auf, nicht hinter seinen Forderungen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu Recht gegenüber unterschiedlichen Bremer Unternehmen, wie beispielsweise Kühne & Nagel, erhoben wurden, zurückzubleiben. Die Diskussion um das sowjetische Gräberfeld muss endlich genutzt werden, die Verbrechen, die im Namen des Bremer Senats zu Zeiten des Dritten Reichs begangen wurden, schonungslos aufzuklären. Der Bremer Senat muss den NS-Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Zum einen ist bekannt, dass das NS-Regime mit der Sonderaktion 1005 ("Enterdungsaktion") die Verbrechenverbergen und totschweigen wollte. Es ist zugleich nicht bekannt, was die Nazis in der Zeit vom Dezember 1941 bis zum April 1945 auf dem Areal gemacht haben. Auch ist nicht bekannt, welche Erdarbeiten, in der Zeit von 1948 bis heute auf dem Gelände vorgenommen wurden, die ggf. etwaige Leichenschatten unwiederbringlich zerstört haben. Zumindest anlässlich der Errichtung der Großwohnanlage „Wohlers Eichen“ in unmittelbarer Nachbarschaft, soll es erhebliche Erdbewegungen gegeben haben. Zum anderen kann die Fokussierung auf eine Teilfläche, die nur anhand von Luftbildaufnahmen aus den Jahren 1944 und 1945 bestimmt wurde, keine wissenschaftlich fundierte Grundlage für eine derartige Feststellung sein, die übrige zum Friedhof gewidmete Fläche von Untersuchungen auszuschließen.

Sicher und belegt und mit dieser Aufstellung transparent zusammengetragen ist hingegen, dass eine große Anzahl sowjetischer Kriegsgefangener am Bahndamm in Oslebshausen auf dem zentralen Bremer Friedhof für Sowjets bestattet wurden. Und, dass vermutlich bei weitem nicht alle Leichname exhumiert und umgebettet worden sind.

So berichtete der Weser-Kurier am 18.09.1974 in dem Artikel "Kinder machten grausigen Fund" von "Schädel und Gebeinen, die vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg stammen". Diese sterblichen Überreste wurden, wie bereits erwähnt, mit größter Wahrscheinlichkeit auf dem Areal des sogenannten "Russenfriedhofs" von einem Bagger ausgebuddelt.

Erinnerung/Hinweis:
Die Landesarchäologie Bremen lädt anlässlich des Tags des offenen Denkmals am Sonntag, den 12.09.2021, jeweils zu 14, 15 und 16 Uhr zu Ausgrabungsführungen zum Friedhof sowjetischer Kriegsgefangener ein.
Treffpunkt: Gedenkstätte mit dem orthodoxen Kreuz an der Reitbrake.
(Quelle: https://www.landesarchaeologie.bremen.de/veranstaltungen/tag-des-offenen-denkmals-2021-
13561?fbclid=IwAR1aQmFv-aKu-QVWS7HyI5Ld-0b8z9gwTGDCqLCO5beSfGkcGU29gmOQzfQ
)

Weitere Hintergrundinformationen:

https://www.bremerfriedensforum.de/1391/aktuelles/Verfolgt-der-Bremer-Senat-die-voelkerrechtswidrige-Bebauung-des-sogenannten-Russenfriedhofs-mit-einer-Bahnwerkstatt-in-Bremen-Oslebshausen/

https://www.bremerfriedensforum.de/1379/aktuelles/Bitte-Petitionen-mitzeichnen/

https://www.bremerfriedensforum.de/1366/aktuelles/Buergerinitiative-Oslebshausen-und-umzu-Bremer-Friedensforum/

https://www.bremerfriedensforum.de/1349/aktuelles/Geplantes-Bahnbetriebswerk-in-Bremen-Oslebshausen-auf-dem-Massengrab-von-Kriegsgefangenen-und-Zwangsarbeitern/


Download: Analyse Russenfriedhof
Download: Bericht Junge Welt: Archäologen
Download: FAZ-Artikel Gräber der Zwangsarbeiter

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