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Verfolgt der Bremer Senat die völkerrechtswidrige Bebauung des sogenannten "Russenfriedhofs" mit einer Bahnwerkstatt in Bremen-Oslebshausen?

Das Bremer Friedensforum und die BI Oslebshausen haben sich in Briefen inhaltsgleich an Bundesaußenminister Maas sowie an die Vorsitzenden, Geschäftsführer/Generalsekretär und Spitzenkandidaten von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke gewandt. Den Briefen wurde das Kurzgutachten des renommierten Rechtswissenschaftlers für humanitäres Völkerrecht, Prof. Dr. Robert Heinsch, beigefügt.

Download: Gutachten
Download: Klarstellung

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Bremer "Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu" und das Bremer Friedensforum möchten Sie über einen besonderen Bremer Sachverhalt informieren. Wir befürchten, dass das Handeln des Bremer Senats zu erheblichen diplomatischen Verwerfungen mit den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion führen kann und insofern wahrscheinlich auch zu einer Belastung außenpolitischer Beziehungen führen wird. In jedem Fall sehen wir eine unzumutbare diskriminierende Handlung einer Landesregierung mit Beteiligung der Grünen gegenüber den Opfern und deren Angehörigen.

Nachdem zunächst regional berichtet wurde, veröffentlichte der Spiegel vergangene Woche den Artikel "Sowjetische Kriegsopfer in Deutschland - Die Gräber der Namenlosen":

https://www.spiegel.de/geschichte/sowjetische-kriegsopfer-in-deutschland-die-graeber-der-namenlosen-a-1691fc18-ba41-404c-b6c9-91a42ad2c646

Im März bereits "Zeit online": https://www.zeit.de/news/2021-03/06/suche-nach-alten-graebern-auf-flaeche-fuer-neue-bahnwerkstatt

Der Sachverhalt:

Der Bremer Senat will dem Unternehmen Alstom in Bremen-Oslebshausen eine Fläche für die Ansiedlung einer großen Bahnwerkstatt mit Abstellanlage zur Verfügung stellen.

Auf dieser Fläche wurde im Dezember 1941 vom damaligen NS-Bausenator Fischer der sogenannte "Russenfriedhof" angelegt. Es ist belegt, dass an diesem Ort mindestens 766 Leichname bestattet wurden (Quelle: Arolsen Archives. Copy of 2.1.1.2[http://2.1.1.2] / 70567845, Protokoll des 19. Polizei-Reviers vom 9. Mai 1946). Wahrscheinlich sind es sogar wesentlich mehr, war doch Bremen damals einer der wichtigsten Orte in der Rüstungsproduktion Nazi-Deutschlands.

In der Nachkriegszeit wurden jedoch nur 446 anonyme Leichname exhumiert und umgebettet. Die Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle und der Landesarchivar Prof. Dr. Konrad Elmshäuser gehen aktuell von mindestens 280 im Erdreich verbliebenen Leichnamen aus. Aktuell werden völkerrechtswidrige archäologische Grabungen auf Anordnung des Bremer Senats vorbereitet. Eine ebenfalls völkerrechtswidrige Exhumierung und anschließende Umbettung wird ebenfalls aktuell geplant.

Prof. Dr. Robert Heinsch war so freundlich und hat uns seine völkerrechtliche Einschätzung zu diesem Sachverhalt gegeben (siehe Anhang). Prof. Dr. Robert Heinsch wird Ihnen bestens bekannt sein. Er ist einer der weltweit führenden Kapazitäten im humanitären Völkerrecht.

Seine Einschätzung ist demnach, wie folgt, zusammenzufassen: "Die Errichtung einer Bahnwerkstatt auf dem Areal einer Kriegsgräberstätte, wo Verstorbene ihren letzten Ruheort gefunden habe, ist also nicht mit dem humanitären Völkerrecht vereinbar, wenn deren sterblichen Überreste nie exhumiert und umgebettet worden sind."

Aber auch moralisch ist das Vorgehen bedenklich und zeugt von einer ausgeprägten Geschichtsvergessenheit. Ziel der Grabungen und Umbettungen ist die Ansiedlung einer Bahnwerkstatt durch das Unternehmen Alstom. Angesichts der Shoa und der mörderischen Barbarei während des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion verbietet sich die Ansiedlung ausgerechnet einer Bahnwerkstatt an diesem Ort. Hat doch die Bahn erst die Logistik für das massenhafte industrielle Morden ermöglicht. Das Unternehmen Alstom selbst ist dazu noch die Rechtsnachfolgerin von kriegsverbrecherischen Bahnherstellern wie der Linke-Hofmann-Werke, einem Unternehmen, dass Zwangsarbeiter u.a. des KZ Groß-Rosen einsetzte. Die von diesem Unternehmen produzierten Vieh- und Güterwaggons haben sich wie die Verbrennungsöfen und Gaskammern als Symbol für Shoa und Schreckensherrschaft der Nazis in das kollektive Gedächtnis eingeprägt.

Das ganze Vorhaben ist beschämend, geschichtsvergessen, pietät- und würdelos. Es ist für uns unerträglich, dass im Jahr 2021, achtzig Jahre nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, noch immer mit den NS-Opfern der Sowjetunion in dieser Form umgegangen wird. Offenbar hat das von den Nazis geprägte Stigma der "Untermenschen" bis heute Bestand und führt dazu, dass sogar im Tode noch unwürdig mit diesen armen Opfern umgegangen werden kann. Ein vergleichbares Verhalten mit den sterblichen Überresten US-amerikanischer, französischer oder britischer Opfer des Zweiten Weltkriegs würde es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben. Dass jedoch eine demokratisch legitimierte Landesregierung ein solches Vorhaben verfolgt, macht uns fassungslos.

Wir haben den Bremer Senat daher dringend aufgefordert, von dem Vorhaben abzulassen und ihn gebeten, sich mit der Deutschen Bahn ins Benehmen zu setzen, um für die Ansiedlung eine bestehende Bahnbrache in unmittelbarer Nähe des Bremer Hauptbahnhofs zu nutzen. Dies wäre auch nach Ansicht von Fachleuten bahnbetrieblich, ökologisch und ökonomisch ohnehin die viel bessere Lösung. Eine vorgebliche Weigerung der Deutschen Bahn, diese Fläche bereitzustellen, sollte leicht überwindbar sein.

Weiterhin fordern wir vom Bremer Senat die Einrichtung einer Mahn- und Gedenkstätte am Ort dieser Kriegsgräberstätte. Unsere Forderungen haben wir mit entsprechenden Petitionen zwischenzeitlich auch an die Bremische Bürgerschaft gerichtet.

Wir würden uns sehr über Ihre Bewertung des Sachverhalts und eine entsprechende Einflussnahme auf den Bremer Senat sowie auf die Deutsche Bahn freuen.

Sehr gerne würden wir uns mit Ihren Mitarbeitern zu diesem Thema austauschen.

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen aus Bremen



Dieter Winge    Ekkehard Lentz
Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu   Sprecher Bremer Friedensforum

info@bi-oslebshausen.de
https://bi-oslebshausen-und-umzu.de/
https://www.facebook.com/groups/2061150564099146/


Interview mit Ekkehard Lentz:

17. Juli 2021

„Die gegen sowjetische Kriegsgefangene verübten Verbrechen stehen bis heute im Erinnerungsschatten“
Die Verantwortung für die Geschichte entscheidet über die Zukunft: Über den Konflikt um eine Gräberstätte mit sowjetischen Opfern in Bremen als Exempel für Verdrängung und Aufklärung hat Bernhard Trautvetter mit Ekkehard Lentz vom Bremer Friedensforum gesprochen.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=74368
Erstellt am: 12.07.2021
Bilder:
Weser Kurier, 10.7.2021
19:02:35
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