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Auf dem Friedhof Bungerhof fand bereits am Freitag eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung statt. (Foto: Ingo Möllers)

Zeit für eigenes Engagement

Veranstaltung zum Antikriegstag von DDB und VHS in Delmemhorst

Delmenhorst. Dieses Erinnern war kein Abschluss, es war vielmehr ein Auftakt. „Wir sind übereingekommen, dass wir eine Arbeitsgruppe bilden, die sich speziell mit der Kriegsgeschichte dieser Stadt befasst“, sagte Helmuth Riewe. Der Journalist hatte am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der Volkshochschule (VHS) zum Antikriegstag, an dem nunmehr 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges gedacht wurde, noch einmal an die Rolle von Soldaten erinnert, die in Delmenhorst stationiert waren. Denn die Piloten der dritten Gruppe des Kampfgeschwaders 27 Boelcke starteten an jenem 1. September 1939 von Adelheide aus in den Krieg, warfen ihre Bomben über Warschau ab.

Es ist ein bislang wenig beleuchtetes Kapitel. Doch das soll sich, wie Riewe ausführte, ändern. Dass es so kommt, ist auch das Verdienst des nunmehr 70-jährigen Journalisten. Er hatte mit seinen Recherchen zum Kampfgeschwader überhaupt erst angefangen, einen weißen Fleck auf der historischen Landkarte der Stadt zu füllen. Denn in den bisher publizierten offiziellen Stadtchroniken findet sich nichts über die Soldaten, die in dem von den Nazis gebauten Fliegerhorst vor den Toren der Stadt ihren Heimathafen hatten. Auch die Garnisonschronik schweigt sich zu diesem Thema fast vollständig aus. Das soll nun systematisch geändert werden. Riewe hat dazu schon ein mehrteiliges VHS-Seminar angeboten, seine Ergebnisse wurden zudem in einer vierteiligen Serie im DELMENHORSTER KURIER veröffentlicht. Und es gab auch einen Workshop mit Geschichtslehrern, in dem es darum ging, die Erkenntnisse für den Unterricht an den Delmenhorster Schulen nutzbar zu machen.

Riewe ging dann noch einmal auf seine Forschungsergebnisse ein, unter anderem anhand von Originalquellen, die er im Militärarchiv Freiburg einsehen konnte, also Erinnerungen von Soldaten, die in Adelheide stationiert waren. Und die ab dem 1. September 1939 voll ins Kriegsgeschehen eingebunden waren. Unter anderem auch bei einem verheerenden Schlag am 7. September, als die Stadt Łomża Ziel der Boelcke-Flieger war. Der Angriff aus der Luft dauerte viele Stunden, über tausend Menschen verloren ihr Leben, zahlreiche Gebäude wurden zerstört und fielen den Flammen zum Opfer. Auch die 1879 erbaute Synagoge brannte beim Angriff aus. Dieser recht gut dokumentierte Angriff belegt, „dass die in Delmenhorst-Adelheide stationierten Kampfpiloten schon in der Anfangszeit des Zweiten Weltkriegs an blutigen Terroraktionen gegen städtische Zivilbevölkerungen aktiv beteiligt waren. Zumindest nach heutigen Standards – wohl auch nach der richtigen Interpretation des Völkerrechts der damaligen Zeit – handelte es sich dabei um ein Kriegsverbrechen. Die Kämpfer vom Fliegerhorst Adelheide hatten bewiesen, dass sie zu jeder militärisch legitimierten Schandtat bereit waren“, führte Riewe aus.

Der Journalist machte dabei noch einmal deutlich, dass genau mit dieser Art Kriegführung durch die Nazis eine ganz neue Qualität erreicht worden war. Es ging bewusst darum, wie schon bei den Angriffen auf Städte im spanischen Bürgerkrieg, wovon Gernika sicherlich wegen des gleichnamigen Bildes Pablo Picassos besondere Bekanntheit erlangte, die Zivilbevölkerung zu attackieren. Riewe: "Dass die Einschüchterungsstrategie Erfolg zeigte, lässt sich einem zynischen Kommentar eines Unteroffiziers entnehmen. Wegen des schlechten Wetters im Bereich Białystok hatte die Besatzung die geladene Bombenfracht nicht abwerfen können, stattdessen flogen sie teilweise in einer Höhe von unter 500 Metern: ‚Unterwegs sahen wir öfters, dass die Bevölkerung aus den Häusern stürzte und vor unseren Maschinen flüchtete.
Anscheinend haben die Polen einen ungeheuren Respekt vor uns.‘“

Riewe endete mit einem Appell für den Frieden: „Wer sich heute konsequent für Frieden und Entspannung einsetzen will, dessen eigenes Engagement ist notwendig“, forderte er, diese Aufgabe nicht weiter zu delegieren, weder an die Politik, noch an die Bundeswehr. Es brauche auch zivilgesellschaftliche Initiativen, damit „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ kein frommer Wunsch bleibe. Dazu hätte aus Riewes Sicht auch etwas anderes gehört: klare Worte von offizieller Stelle.
Eigentlich war geplant, dass es eine Rede von Bürgermeisterin Antje Beilemann geben sollte. Doch die trat, wie berichtet, vor zwei Wochen zurück. Ihr designierter Nachfolger ist noch nicht in Amt und Würden, und nachdem eine erste öffentliche Kritik Riewes an der Zurückhaltung der öffentlichen Hand an der Gedenkveranstaltung laut geworden war, entsandte die Stadt immerhin ihre Nummer zwei: Erster Stadtrat Markus Pragal. Der war aber nur zuhörender, nicht redender Gast. „Es wäre für diesen Jahrestag meines Erachtens nach angemessener gewesen, wenn eine geeignete Persönlichkeit in würdiger Weise Worte gefunden hätte“, sprach Riewe Klartext.

Seine Kritik richtete sich auch an die Bundeswehr, die gebeten wurde, einen offiziellen Redner zu schicken, darauf aber – wegen Terminproblemen – verzichtete. Immerhin konnte der Kommandeur der Feldwebel-Lilienthal-Kaserne und Standortälteste, Oberstleutnant Torsten Andreas Ickert, unter den rund 50 Besuchern im Saal „Große Höhe“ begrüßt werden. Auch wenn er ausdrücklich als Zivilist erschien. Riewe: „An diesem Tag heute hätte sich die Bundeswehr hier zeigen können – und sich von der damaligen faschistischen Kriegsführung distanzieren können.“

Riewe zitierte noch einen Vers aus dem 1947 erschienenen Gedicht "Sag Nein (Dann gibt es nur eins!)" von Wolfgang Borchert, das er sich inhaltlich zu eigen mache, wie er sagte: „Du. Pilot auf dem Flugfeld. / Wenn sie Dir morgen befehlen, / Du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen / dann gibt es nur eins: Sag Nein!“ Wobei Riewe noch ein wenig weiterging, weil er auch den Bremer Lyriker Rudolph Bauer zitierte, der in seinem 2018 erschienenen Band „Aus gegebenem Anlass“ ebenfalls Borchert aufgriff – und in die Jetztzeit übertrug: „wenn sie dir jedoch / keinen auftrag erteilen / nicht bomben befehlen / zu werfen und phosphor / sondern aufklärungs- / fotos zu liefern / für den einsatz von drohnen / um zivilisten / irgendwo weit weg / bei hochzeits- / gesellschaften / zu töten / um kinder und alte /die man des terrors bezichtigt / präziser zu treffen / maustot / und dabei städte in schutt und asche / zu legen für den profit / des wiederaufbaus danach / dann gilt noch immer / nur eins"

Quelle: Weser-Kurier/Delmenhorster Kurier 1. September 2019

Foto: Auf dem Friedhof Bungerhof fand bereits am Freitag eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung statt. (Fotos: Ingo Möllers)
Erstellt am: 04.09.2019
20:30:23
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