Deutsch-russische Beziehungen

Der Vernichtungskrieg - Im Umgang mit Russland fehlt der Bundesregierung jedes historische Gewissen.

von Stefan Korinth

Regelmäßig trommeln deutsche Politiker und Alpha-Journalisten gegen Russland. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass weniger Aggressivität und mehr Zurückhaltung gegenüber Russland angebracht sind. Wehrmacht und SS führten einen barbarischen Rasse- und Vernichtungskrieg mit 27 Millionen Todesopfern gegen die UdSSR. Drei Jahre lang verheerte Nazi-Deutschland die besetzten Gebiete mit Massenmorden, Zerstörung, Hungerpolitik und Sklavenarbeit. Wo bleibt das historische Gewissen der Bundesregierung bei ihren verbalen Ausfällen in heutiger Zeit?

Vor einigen Wochen machte eine angebliche Aussage Ursula von der Leyens die Runde im Internet. Die NATO dürfe einen Erstschlag gegen Russland nicht ausschließen, soll die amtierende deutsche Verteidigungsministerin gesagt haben. Wer sich die Quelle – nämlich die Satire-Website „Berliner Express“ – nicht genau angesehen hatte, konnte das Zitat durchaus ernst nehmen.

Das Problem hierbei ist aber gar nicht so sehr die vermeintliche Leichtgläubigkeit mancher Mediennutzer. Unser aller Problem ist vielmehr, dass Ursula von der Leyen solch eine Aussage tatsächlich zuzutrauen ist. Mich hat das (Fake-)Zitat beim ersten Lesen nicht aus den Socken gehauen. Denn es passt ja absolut in die Denkweise transatlantischer Falken und es passt generell in den herrschenden Zeitgeist großer Teile der westlichen Machteliten in Politik, NATO und Leitmedien.

Von einem entschlossenen Dementi der Verteidigungsministerin oder ihrer Pressestelle zu dem gefälschten Zitat ist denn auch nichts bekannt. Und seien wir realistisch: Große Teile des Medien-Mainstreams – darunter etwa der Faktenfinder der Tagesschau, der nun mit dem gefälschten Zitat wieder mal sein Süppchen gegen Russland kocht – würden von der Leyen mit Zähnen und Klauen gegen Kritiker verteidigen, wenn sie solch einen Satz tatsächlich sagen würde.

„Position der Stärke“ gegenüber Russland
In der Tat geben von der Leyen und ihre Kollegen aus der Bundesregierung regelmäßig recht ähnliche Aussagen von sich. Im Juli 2016 beispielsweise erläuterte die CDU-Politikerin, Deutschland und die Nato müssten aus einer „Position der Stärke“ mit Russland sprechen. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte zur gleichen Zeit: Die NATO müsse mehr Präsenz im Baltikum und in Polen zeigen. Außenminister Heiko Maas sagte kürzlich, dass die Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs nicht mehr zeitgemäß sei. Zur Erinnerung: Damals ging es um Entspannung, Annäherung und Versöhnung. Maas, von der Leyen und Co. halten das vermutlich für eine Position der Schwäche.

Einen Großteil der deutschen Alpha-Journalisten haben sie mit dieser Haltung sowieso auf ihrer Seite. Diese poltern gern selbst gegen Russland und bieten anderen Polterern bereitwillig eine Plattform. Erst im April dieses Jahres wiederholte von der Leyen ihre Forderung der Härte gegenüber Russland. Mit einer Mischung aus Hollywoodpsychologie und 50er-Jahre-Rhetorik bekräftigte sie im Interview mit der Bild am Sonntag:

„Präsident Putin schätzt keine Schwäche. Anbiedern oder Nachgiebigkeit macht ihn nicht freundlicher. (…) Das Kernproblem ist heute: Der Kreml braucht Feindbilder, die freien Gesellschaften des Westens nicht. Deshalb ist es wichtig, dass wir aus einer Position der Geschlossenheit und Stärke bereit bleiben zum Dialog mit Moskau.“

Immerhin: Noch kommt der Begriff „Dialog“ vor, möchte man aus diesem Wust heuchlerischer Sätze positiv hervorheben. So gesehen wird die Verteidigungsministerin auch nichts dagegen gehabt haben, dass ihr russischer Amtskollege Sergej Schoigu auf von der Leyens Thesen reagierte.

Im Ton zwar ruhig, aber faktisch empört, sagte er: „Nach all dem, was Deutschland unserem Land angetan hat, sollte man dort besser noch 200 Jahre nichts zu dem Thema sagen.“ In Deutschland solle man in die Geschichte schauen oder die Großelterngeneration fragen, was es bedeute, mit Russland aus einer Position der Stärke zu sprechen, empfahl Schoigu.

Weißer Fleck: Unternehmen Barbarossa
Doch, was Schoigu vielleicht nicht weiß: Diese historische Lehre ist im heutigen Deutschland nicht sonderlich präsent. Der deutsche Überfall und die folgende Besetzung eines großen europäischen Teils der Sowjetunion von 1941 bis 1944 spielen im historischen Gedächtnis der meisten Deutschen nur eine sehr geringe Rolle. Im offiziellen Gedenken, in Filmen oder Medienberichten kommt diese Phase deutscher Geschichte kaum vor.

Und wenn das „Unternehmen Barbarossa“ doch mal thematisiert wird, dann meist in etwa so: Der Krieg „brach aus“, man wurde vom brutalen russischen Winter überrascht und in Stalingrad litten die deutschen Soldaten. Eine ganze Armee saß dort „in der Falle“, wie es in einer ZDF-Doku heißt. Schließlich musste sich die geschundene Wehrmacht vor der russischen Übermacht zurückziehen und die Rote Armee rückte vergewaltigend und brandschatzend in Deutschland ein.

Also, was meint dieser Schoigu nur? Was hat Deutschland seinem Heimatland „angetan“? Es ist anzunehmen, dass Ursula von der Leyen das durchaus weiß. Doch eine kleine Auffrischung des historischen Gedächtnisses zum heutigen Antikriegstag kann nicht schaden.

Der grausamste Feldzug der Geschichte
„Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion ist als brutalster und ungeheuerlichster Feldzug in die Geschichte eingegangen“, schreibt der Osteuropahistoriker Dieter Pohl in seinem Buch „Die Herrschaft der Wehrmacht“ (1). Schon Zeitgenossen bezeichneten den Angriff als „Vernichtungskrieg“. Ein Krieg, in dem, anders als bei den vorangegangenen Feldzügen, überhaupt kein Recht mehr galt.

In der Sowjetunion entfernten sich die Verhaltensnormen immer weiter von den schon nicht zimperlichen Umgangsformen in zuvor besetzten Ländern wie etwa Frankreich. Die „moralischen Koordinaten“ von Soldaten und anderen deutschen Verantwortlichen verschoben sich ins Bodenlose. Pohl schreibt in seinem Buch von „moralischer Enthemmung“.

Diese moralische Enthemmung, die zuvor durch gezielten Feindbildaufbau in Deutschland gefördert worden war, führte zu Verbrechen unbeschreiblicher Grausamkeit. Ganz abgesehen vom grundsätzlichen Verbrechen, ein Land anzugreifen, seine Bevölkerung – egal ob Soldat oder Zivilist – umzubringen, zu verwunden, zu traumatisieren, zu vertreiben sowie die Infrastruktur dieses Landes zu zerstören; sollen hier ein paar besonders abscheuliche Aspekte des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion in Erinnerung gerufen werden.
Hier weiterlesen: https://www.rubikon.news/artikel/der-vernichtungskrieg

Erstellt am: 12.09.2018
08:19:28
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