Deutsch-russische Beziehungen

Im Kessel

Heinrich Gerlachs antifaschistischer Roman »Durchbruch bei Stalingrad« ist ein verstörendes Zeitzeugnis – und eine literarisch beeindruckende Schilderung des Untergangs der Sechsten Armee
Von Stefan Siegert

»Alles, was die Romanhandlung an Begebenheiten schildert, war irgendwann und irgendwo auf den Schneefeldern vor Stalingrad und in den Trümmern der Stadt einmal Wirklichkeit«, so Heinrich Gerlach über seinen Roman. (deutsche Soldatengräber bei Stalingrad, Winter 1942)

Heinrich Gerlach
Durchbruch bei Stalingrad. Herausgegeben von Carsten Gansel
Deutscher Taschenbuchverlag, München 2017
Umfang: 692 Seiten
Preis: 16,90 Euro


Stefan Siegert schrieb an dieser Stelle zuletzt am 13. Dezember 2017 über die Lektüre Ludwig van Beethovens.

Alle das Gute in uns bejahende Menschen hassen den Krieg. Neben der Liebe ist er das große Thema aller Künste. Den Krieg verherrlichende Kunstwerke von Rang muss man suchen. Goyas »Desastres« dagegen, Picassos »Guernica«, das »Dona nobis pacem« (»Gib uns Frieden«) in den Messen von Bach bis Britten, die großen Tragödien von Sophokles bis Oliver Stone und Akira Kurosawa sowie Tolstois »Krieg und Frieden« drängen sich auf, sie werden die Menschen noch bewegen, wenn es – die Weiterexistenz der Menschheit vorausgesetzt – keine Kriege mehr geben wird.

Von Troja und Karthago bis zu den Schlachten von Leipzig, Waterloo und Sedan sind es die Orte der Metzeleien, deren Namen – bei Straßen und Denkmälern meist rühmend, in großen Kunstwerken immer mahnend – an den Krieg erinnern. Bevor der Klang der Städtenamen ins Vietnamesische, ins Paschtunische und ins Arabische wechselte, war es eine sowjetrussische Stadt, die die Menschheitskatastrophe verkörperte, die der Krieg bedeutet: Stalingrad. In Paris heißt eine Metrostation nach der Wolgametropole. In Deutschland, das zum Krieg und insbesondere zu Stalingrad ein ganz besonderes Verhältnis hat, sucht man derlei vergebens.

Goebbels’ Propagandaspezialisten gingen anlässlich der Schlacht um Stalingrad Sätze wie: »Sie mussten sterben, damit Deutschland lebe«, wie Öl von den Lippen; sie machten nach 1945 bei Spiegel und Stern weiter. Menschen wie der studierte Germanist und Lateiner Heinrich Gerlach, 1908 in Königsberg geboren, aufgewachsen und ausgebildet, kämpften in Stalingrad. Er wurde 1939 »eingezogen«, zu deutsch: Er wurde dem Leben, seiner jungen Familie und sich selbst entzogen, in eine Uniform gesteckt und bekam als einer von Millionen eines der Gratislose der großen Volkslotterie namens »Soldatentod«. Wir wüssten nichts von ihm, hätte es ihn nicht Ende 1942 als Oberleutnant der Nachrichtenabteilung einer Panzerdivision an die Wolga verschlagen. Ein zum deutschen Machthaber und Feldherren aufgestiegener Weltkriegsgefreiter aus dem oberösterreichischen Braunau am Inn war von dem Gedanken besessen, die Stadt an der Wolga zu erobern. Er hätte es fast geschafft. Aber die Rote Armee unter einem zum Marschall der Sowjetunion aufgestiegenen Kürschnerlehrling aus Kaluga schloss die deutsche Sechste Armee und ihren preußisch-aristokratischen Elitegeneralstab bei Stalingrad ein und vernichtete sie. Heinrich Gerlach ist vom ersten Tag an im Kessel. Drei Monate später, im Februar 1943, geht er in sowjetische Gefangenschaft. Er lebt!

Das wiedergefundene Manuskript

Im Sommer beginnt Gerlach, den blutigen Alptraum aufzuschreiben. Es wird ein Roman daraus. »Durchbruch bei Stalingrad« steht auf dem Titel. Am 8. Mai 1949 ist das Manuskript fertig. 614 Seiten. Die Sowjetunion entlässt einen Großteil ihrer deutschen Kriegsgefangenen. Gerlach ist nicht darunter. Dabei ist er Gründungsmitglied des in der Gefangenschaft gegründeten Bundes deutscher Offiziere (BdO), der sich buchstäblich an vorderster Front darum bemühte, die ehemaligen Kameraden jenseits der Hauptkampflinie zur Beendigung ihrer Opferung für ein verbrecherisches Regime zu bewegen. Er arbeitet im Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD), einem von exilierten deutschen Antifaschisten organisierten Versuch, gefangene Offiziere und Soldaten auf der Grundlage bürgerlicher Werte gegen Hitler zu mobilisieren (seine Familie in Deutschland wird dafür in Sippenhaft genommen). Er kommt, von Wilhelm Pieck bis Johannes R. Becher, mit vielen Politikern und Kulturschaffenden der späteren DDR in Kontakt. Alfred Kurella versorgt ihn mit Schreibpapier. Die ihn vernehmenden Politbüromitglieder in spe Walter Ulbricht und Rudolf Herrnstadt halten ihn irrtümlich für nicht aufrichtig. Für die sowjetischen Behörden ist der vormalige Divisionsaufklärer ein Mitglied faschistischer Nachrichtendienste.

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Erstellt am: 04.09.2018
08:36:14
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