Unheilvolle Tradition

Bremer Waffen in alle Welt.

Bremer Rüstungsunternehmen stehen in einer unheilvollen Tradition Sie lieferten Waffen für zwei Weltkriege, und sie liefern bis heute Waffen in alle Teile der Welt Ihre Produktion ist die Grundlage für eine zunehmend militarisierte Aussenpolitik, die Voraussetzung künftiger Kriege Im Zuge der Umstrukturierung und Neubewaffnung der Bundeswehr und im Zusammenhang mit dem Aufbau einer europäischen Armee kommt Bremen eine wichtige Rolle als Produktionsstandort und Exporthafen für Rüstungsgüter zu Rüstungskonversion in Bremen wäre ein wichtiger Beitrag für eine zivile internationale Politik.

Deshalb sind wir auch vor Ort aufgefordert, die Rüstungsmaschinerie zu behindern Kommunale Friedenspolitik heißt auch Konversionspolitik Das 2001 beendete Rüstungskonversionsprogramm des Bremer Senats muss wieder aufgelegt und energischer als bisher betrieben werden Erfolgreiche Konversion ist möglich, das zeigen die Erfahrungen der 90er Jahre. Wir wenden uns gegen Wirtschaftsförderung für rüstungsorientierte Betriebe und gegen die Ansiedlung neuer Rüstungsunternehmen.

 

Hier wird produziert:

Abeking und Rasmussen.

Produkte: Minenjagdboote.

OHB Systeme.

Produkte: SAR Lupe-Projekt (das Satellitensystem steht als Kern eines europäischen Aufklärungsverbundes im Zusammenhang mit der Militarisierung der Europäischen Union) Mitarbeiter: ca. 160 .

STN-Atlas Elektronik.

Produkte: Schiffselektronik, UBoot- Elektronik, Unterwasser- und Hochfrequenztechnik, Simulatoren für Eurofighter und Kampfpanzer, Torpedos für U-Boote, Kampfdrohne Taifun Militärische Arbeitsplätze: ca. 2300 Rüstungsabhängigkeit: über 90 Prozent.

MWB (Motorenwerke Bremerhaven AG).

Produkte: Schiffs- und Motorentechnik, Mitarbeiter: ca. 250 insgesamt, Rüstungsabhängigkeit: 34 Prozent.

EADS (European Aeronautic Defence and Space Company).

Produktionsbereich: Militärluftfahrt, Raumfahrt, Verteidigungssysteme entwickelt das militärische Transportflugzeug A 400 M, Militärische Arbeitsplätze: ca. 130; Rüstungsabhängigkeit: 5 Prozent.

Euroatlas

Produkte: Frequenzumformer für Boote, Wechselrichter für Leopard 2, Transformer-Gleichrichter für Kampfflugzeuge, Militärische Arbeitsplätze: ca. 60, Rüstungsabhängigkeit: 100 Prozent.

Friedrich-Lürssen-Werft.

Produkte: Schnellboote, Minensuchboote, bis 2007 baut Lürssen zwei Tarnkappenkorvetten und ist maßgeblich an der Konstruktion und dem Bau der Fregatten F 124 beteiligt STN Atlas und Lürssen-Werft entwickeln gemeinsam mit EADS eine neue Minenjagdtechnologie; Militärische Arbeitsplätze: ca. 300; Rüstungsabhängigkeit: unter 50 Prozent.

EIS Elektronics Bremerhaven.

Produkte: Kabelkonfektion für Roland, HEOS, Patriot, militärische Kabelinstandsetzungen sowie elektronische Instandsetzungen von militärischen Komponenten (Patriot- Raketen), MitarbeiterInnen: ca. 35 insgesamt, Rüstungsabhängigkeit: 20 Prozent.

Weidelt GmbH Systemtechnik.

Produkte: Einrüstung von Kabinen (zum Beispiel Haken oder Schläuche in Feldküchen), Elektro- und Computereinrichtungen in Fahrzeugen; Rüstungsabhängigkeit: 93 Prozent.

Bruker Daltonik GmbH.

Produkte: Detektoren (Messinstrumente) für pharmazeutische, biochemische und chemische Untersuchungen MitarbeiterInnen: weltweit über 700.

Quelle: Broschüre Rüstungsstandort.

Bremen, Mai 2003.

 

„Was haben wir von der Rüstung?“

Rüstungsproduktion in Bremen und Norddeutschland und unsere Alternativen.

Obwohl sich die Bundesregierung auf eine ablehnende Haltung gegenüber einer deutschen militärischen und finanziellen Beteiligung am US-Krieg gegen den Irak festgelegt hat, ist es doch noch ein weiter Weg vom Nein zu diesem Krieg zu einer Außenpolitik, die mit Recht Friedenspolitik genannt werden kann. Denn die rot-grüne Regierung hat in den vergangenen vier Jahren Entscheidungen getroffen und Beschlüsse gefasst, die die Weichen in Richtung Militarisierung gestellt haben, so dass die neue Ohne-Uns-Haltung überrascht und mit Skepsis betrachtet werden muss. Die Skepsis beruht vor allem auf folgenden weit reichenden Vorgängen:

* · Die Regierung beging den Tabubruch des Nachkriegskonsenses, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte, und ließ deutsche Tornados Jugoslawien bombardieren;

* · sie fasste den Beschluss, bis 2006 die Zahl der sogenannten Einsatzkräfte der Bundeswehr auf 150.000 Mann zu verdreifachen – zur Führung zweier Kriege gleichzeitig;

* · sie ließ vom Generalinspekteur der Bundeswehr ein Material- und Ausrüstungskonzept anfertigen, welches die Anschaffung von 213 Waffensystemen und Ausrüstungen vorsieht, was nach Expertenschätzungen inklusive Preissteigerungen 150 Milliarden Euro kosten wird;

* · sie entsandte mit knapp 10.000 Bundeswehrsoldaten in 15 Ländern so viele Soldaten in den Auslandseinsatz, wie keine vor ihr nach 1945, und es ist nicht erkennbar, dass diese zurückgezogen werden, sondern im Gegenteil, der Verteidigungsminister spekuliert darüber öffentlich, dass sie in Afghanistan eine Führungsrolle übernehmen könnten;

* · sie hat beschlossen, sich mit 20.000 Soldaten an der zu bildenden Schnellen Eingreiftruppe der EU in der Größe von 80.000 Mann zu beteiligen;

* · diese Regierung rühmt sich, alle Wesentlichen Großvorhaben zur Aufrüstung der Bundeswehr fortgesetzt und neue in Auftrag gegeben zu haben.

Von den Aufträgen profitieren auch Bremer Unternehmen. Darauf komme ich jetzt gleich.

Neue Bundeswehr-Einsatzplanungen lassen sich ohne spezifische Kriegswaffen [1] nicht umsetzen. Oder anders herum, ohne neue Kriegswaffen gibt es keine neue Einsatzplanung. Deshalb gehört in der Betrachtung beides zusammen: Die Einsatzplanung und die neuen Waffen. Ich beginne beim Heer, untersuche dann die Marine, dann den Weltraum und streife noch ein wenig die Luftwaffe.

Das Deutsche Heer und Rüstung aus Bremen

Neue ”Deep-Battle-Kapazität” der Heeres

Anfang 1998 charakterisierte der Kommandeur der Artillerieschule der Bundeswehr, Brigadegeneral Jochen Schneider, das „moderne Heer“ folgendermaßen: „Ein wichtiger Faktor zur schnellen Reaktion in künftigen Operationen sind Waffensysteme, die tief in den Feind wirken, und die es ermöglichen, überlegene Technologie im Kampf um den Erfolg zu nutzen. Weitreichende Systeme der Artillerie mit intelligenter Munition und Drohnen für Kampf und Aufklärung sowie weiträumig operierende luftmechanisierte Kräfte geben dem Heer zukünftig eine wirkliche „Deep Battle”-Kapazität und unterstützen durch die Wirkung des Feuers das operative Bemühen um ein örtlich überlegenes Kräfteverhältnis für die entscheidungssuchenden Operationen der gepanzerten Kampftruppen. Oder einfacher ausgedrückt: Starke feindliche Kräfte werden zerschlagen bevor sie auf die eigenen Kräfte treffen. [...] Daraus resultiert folgende Priorität der Rüstungsplanung des Heeres: Beschaffung moderner Informationstechnologie (+Störkapazität), Aufbau eines leistungsfähigen Artillerieverbundes mit intelligenter Munition, Aufbau einer Deep Battle-Kapazität, Einstieg in die Luftmechanisierung.” [2]

Aus dem Munde seines damaligen Chefs, des Heeresinspekteurs Helmut Willmann, klingt das so: „Mit der Entwicklung der Kampfdrohne Heer TAIFUN und der Weiterentwicklung des Waffensystems MARS/MRLS leistet die Artillerie den entscheidenden Beitrag zur Schaffung einer Deep-Battle-Kapazität im deutschen Heer. Eine Entwicklung, die man ohne Zweifel als technologischen und operativen Sprung bewerten kann.” [3]

Das deutsche Heer will neuartige Kampfdrohnen

Zur „Kampfdrohne Heer TAIFUN“ muss etwas gesagt werden, weil sie aus Bremen kommt.

Seit Sommer 1997 hat STN Atlas Elektronik, Bremen, für rund 150 Mio. Euro einen Entwicklungsauftrag für diesen Flugkörper. Die Kampfdrohnen Heer TAIFUN sind unbemannte autonom operierende Marschflugkörper, die ihr Ziel selbst aufspüren und mittels 50 kg Sprengstoff zerstören können. Herzstück dieses Fluggeräts ist ein allwettertaugliches und tageszeitunabhängiges Sensorsystem auf Basis der Radartechnik, das derzeit von der EADS-Verteidigungselektronik in Ulm entwickelt wird. Der Sensor soll zwischen LKW, Panzern, Gefechtsständen und anderen Objekten unterscheiden können. Der gut zwei Meter lange Flugkörper soll bis zu 150 km hinter der Front operieren. Mit rund 200 Stundenkilometern bewegt er sich etwa in 2.500 m Höhe. Seine Tarnkappenbauweise macht ein Aufspüren nahezu unmöglich. Bis zu vier Stunden lang soll die Drohne selbständig Ziele auf programmierten Suchflugpfaden innerhalb eines definierten Zielgebietes aufspüren, um sie dann im Sturzflug („top attack“) anzugreifen. Die Zielabweichung soll unterhalb von 70 cm liegen. Die Fantasie der Entwickler sieht TAIFUN „in Schwärmen von Launcher-Fahrzeugen aus“ starten. Der EADS-Projektleiter ist sicher: „Mit dieser neuen Suchkopf-Generation gehören wir bei Dasa (heute EADS L.H.) zur Spitze des Weltmarkts.“ [4] Hauptauftragnehmer für die Kampfdrohne Heer Taifun ist STN Atlas Elektronik. Ende 2002 soll der Erstflug mit einem Dummy als Gefechtskopf erfolgen. Der Bundestag hat einer Beschaffung noch nicht zugestimmt. Die Einführung in die Bundeswehr ist ab 2006 geplant.

Der Bundestag hat bereits eine andere Drohne aus dem Haus STN Atlas Mitte Dezember 2001 bestellt. Sie heißt Kleinfluggerät Zielortung KZO. KZO dient der präzisen Aufklärung bei nahezu allen Wetterbedingungen und zu jeder Tages- und Nachtzeit in Echtzeit mit Hilfe eines Infrarotsuchkopfs in einer Entfernung von mindestens 60 km. Der Referent im Heeres-Führungsstab Oberstleutnant Fior schreibt: „Erst KZO schafft die Voraussetzung zur vollen Nutzung der überlegenen Fähigkeiten der modernen Wirksysteme der Artillerie und ist damit das fehlende Schlüsselelement im Verbund Führung – Aufklärung – Wirkung.“ [5]. Mit den „modernen Wirksystemen der Artillerie“ sind erstens die 185 Panzerhaubitzen 2000 der Bundeswehr gemeint, die mit der selbst-zielsuchenden Munition SMArt eine Reichweite von 38 km erreichen, und laut Eigenwerbung als die „besten Geschütze der Welt“ bezeichnet werden, und zweitens die 154 Mehrfachraketenwerfer MARS (”geballte Feuerkraft” [6]), die zur Zeit noch eine Reichweite von 40 km haben, die jedoch ab 2005 auf 70 km ausgedehnt werden soll. STN soll 6 Systeme KZO zum Preis von 218 Mio. Euro bis 2007 ausliefern [7]. Das erste KZO wird im kommenden Jahr fertig sein.

STN Atlas Elektronik

Schwerpunkte bei STN Atlas über die Technologie unbemannter Fluggeräte hinaus liegen

Erstens, in der Schiffselektronik, darunter auch die U-Boot-Elektronik

zweitens, in Zusammenarbeit mit HDW in der Herstellung der leistungsstärksten Torpedos der Welt (in Wedel/Holstein),

drittens, in der Unterwasserschall- und Hochfrequenztechnik (dahinter verbirgt sich das modernste Minenjagdsystem der Welt),

viertens in der Herstellung von Simulatoren für Eurofighter, Kampfpanzer und das Gefechtsübungszentrum des Heeres in der Altmark usw.

Die Firma ist aufgrund der hochtechnologischen Vielseitigkeit ein Schwergewicht in der deutschen Rüstungsindustrie. Sie gehört zu 51 Prozent dem Panzer-, Kanonen- und Munitionshersteller Rheinmetall De Tec, dem größten deutschen Rüstungskonzern, und zu 49 Prozent BAe Systems, dem größten europäischen Rüstungskonzern [8]. STN machte im Jahr 2001 einen Umsatz von 572 Mio. Euro, davon 425 Mio. Euro im Inland [9]. Weltweit beschäftigt STN Atlas 3040 Mitarbeiter, davon ca. 2.000 in Bremen. STN trägt zu etwa einem Drittel zum Umsatz von Rheinmetall bei. 72 Prozent der Stammaktien von Rheinmetall sind im Besitz der Familie Röchling.

Waffen zur Steigerung der Schlagkraft des deutschen Heeres

Um die Bedeutung der in Bremen für das Heer hergestellten Kriegswaffen zu erfassen, (KZO für die Aufklärung, Taifun für die Zerstörung) noch einmal General Schneider, der Kommandeur der Artillerieschule: „Mit der Ausstattung der Artillerie von heute, mit den laufenden sowie den bevorstehenden Beschaffungen modernster Führungs-, Aufklärungs- und Wirkungssysteme sowie intelligenter Munition, erfährt die deutsche Artillerie einen technologischen Quantensprung, der sie in die Weltspitze führt. Selbst wenn dies im ersten Schritt nur für die Krisenreaktionskräfte und einen kleinen Teil der Hauptverteidigungskräfte zutrifft, erfährt das ganze System einen Qualitätssprung, der die deutsche Artillerie zu einer der modernsten der Welt werden läßt.” [10]

Die Deutsche Marine und Rüstung aus Bremen

Neue Einsatzplanung

Bei der Entwicklung der Deutschen Marine geht es um strategische Machtprojektion und die Entwicklung einer Hochseepräsenz. In erfreulicher Offenheit dokumentiert dies im Januar 1996 der im Führungsstab der Deutschen Marine damals für die Einsatzführung zuständige Kapitän zur See, Dieter Stockfisch, indem er die ”operativen Fähigkeiten der Bundesmarine” so beschrieb: ”Weltweite Krisenreaktionseinsätze der Marine setzen operative Fähigkeiten zur kontinuierlichen Präsenz in See und zum Sichern von Seeverbindungen, Seegebieten, Hafenzufahrten und Häfen voraus. Zudem sind Fähigkeiten zur Kontrolle seestrategischer Positionen, zur Bindung gegnerischer Kräfte und zur Unterbrechung gegnerischer Seeverbindungen sowie zur Überwachung und Durchsetzung von Embargomaßnahmen erforderlich.” [11]

Dementsprechend sind seit 1990 zu den traditionell angestammten Operationsgebieten der deutschen Marine, nämlich Nord- und Ostsee, zunächst der Nordatlantik und der Mittelmeerraum als geographische Schwerpunkte hinzugekommen. Der größte Marineeinsatzverband nach 1945 schippert allerdings heute schon vor dem Horn von Afrika herum. Das Zauberwort der Marinestrategen heißt „Littoral Warfare”. Gemeint ist damit Seekrieg in Küstengewässern, die freilich mehr als 1.000 km breit sein können. Eine der neuen - offiziellen - Herausforderungen für die deutsche Marine ist: „Die Abkehr von der Konzentration des Küstenverteidigers hin zur Teilnahme an einer Multinationalen ‘Maritime Force', die gegen eine fremde Küste operieren muß.” [12]

Neue Korvetten

Flottillenadmiral Thomas Kempf, derzeit im Führungsstab der Marine zuständig für Konzeption, Planung und Führung, stellt fest: „Die Marine muss unter Nutzung der Operationsfreiheit der Hohen See in der Lage sein, mit Waffen an Land zu wirken und präzise Kampfunterstützung für Landstreitkräfte leisten können. Als ein erster Träger dieser Fähigkeit wird zukünftig die Korvette K 130 eingesetzt werden. Sie ist für die Deutsche Marine ein neuer Schiffstyp.“ [13] Die Korvetten K 130 sind hochseefähig und liegen mit knapp 90 Metern Länge und 1.600 t Verdrängung größenmäßig zwischen Schnellbooten und Fregatten.

Für die Zielstruktur der Marine, ständig zwei Einsatzgruppen im Einsatz zu haben, wünscht die Marine 15 Korvetten. Der Bundestag hat im Dezember letzten Jahres den Konsortialführer Blohm+Voss mit dem Bau des ersten Loses von fünf Korvetten K 130 beauftragt. Dem Konsortium gehören zudem die zweite ThyssenKrupp-Werft TNSW in Emden an und die Friedrich Lürssen Werft in Bremen-Vegesack. Lürssen wird ebenso wie B+V zwei Korvetten herstellen, TNSW eine. Im Bundeshaushalt sind dafür insgesamt rd. 2,8 Mrd. DM vorgesehen [14]. Die Auslieferung dieser Tarnkappen-Korvetten soll zwischen Mitte 2007 und Anfang 2009 erfolgen. Letztlich sollen die 15 Korvetten die 28 Schnellboote ersetzen und ihre Funktion mit übernehmen.

Die Ersetzung bringt eine immense Kampfkraftsteigerung mit sich. Die Korvetten sind vier bis sechsmal größer als die verschiedenen Typen der Schnellbootflottillie und vor allem hochseegängig. Insbesondere sollen sie als Plattformen für qualitativ neuartige Präzisionswaffen dienen, die die Bundeswehr zu weltweiten Angriffen befähigt.

Deutschland Weltspitze: Lichtwellenleitergelenkte Präzisionsbomben

Die geplante Bewaffnung der Korvetten ist spektakulär: Ein weltweit einzigartiger manuell lenkbaren Flugkörper, der trinational unter der Führung der EADS-Tochter „LFK-Lenkflugkörpersysteme GmbH“ in Unterschleißheim bei München entwickelt wird. In der Spitze dieses POLYPHEM genannten Flugkörpers befindet sich ein schwenkbarer Infrarot-Suchkopf, der Einsätze bei Tag und Nacht und schlechter Sicht ermöglicht. Das Novum: Über ein Lichtwellenleiter-Kabel werden dem Schützen auf einem Monitor Bilder in Echtzeit vom überflogenen Gebiet gesendet. Der Schütze ist in der Lage, den Marschflugkörper bis zu den gesuchten „Hochwert-Zielen“ in einer Entfernung von 100 km zu lenken. POLYPHEM ist ca. 3 m lang, wiegt rd. 150 kg, trägt einen Sprengkopf von 20 kg und fliegt zwischen 430 und 790 km/h schnell; die geringe Flughöhe von 150 bis zu 600 Metern erschwert dem Gegner die Aufklärungs- und Bekämpfungsmöglichkeit. Mit der sehr hohen Treffgenauigkeit unter 50 cm wird es möglich, „auch durch Fenster in Gebäude einzudringen und erst danach den Gefechtskopf zur Wirkung zu bringen.” Die Deutsche Marine hat sich „quasi für den Flugkörper entschieden“ [15] Die Entwicklung soll 2005 abgeschlossen sein.

Neue Marschflugkörper für Korvetten?

Die schwedische Firma „Saab Bofors Dynamics“ und die deutsche Firma „BGT“ (Bodenseewerk Gerätetechnik GmbH, Diehl-Gruppe) in Überlingen arbeiten gemeinsam daran, den schwedischen Schiff/Schiff-Flugkörper RBS 15 MK 3 zu einer Landzielbekämpfungswaffe weiterzuentwickeln. Dieser störungssichere Marschflugkörper „erlaubt (es), eine 200 kg schwere Gefechtsladung nach ca. 200 km im Überlandflug mit einer Genauigkeit von ca. 10 m ins Ziel zu bringen.“ [16] Zudem sei eine präzise Zielbekämpfung im Endanflug (1-2 m) bereits im Praxisflug nachgewiesen. Die Reichweite dieses Marschflugkörpers könne auf 400 km gesteigert werden. Beide Rüstungsfirmen „hoffen, dass bei der Ausrüstung der künftigen Korvette K 130 der Flugkörper RBS 15 Mk3 sich durchsetzen wird, zumal er gerade für den Einsatz in ‘Littoral waters' konzipiert worden ist.“ [17] Die Brisanz dieses Vorhabens eröffnet sich mit der Erklärung des für Grundsatzfragen des Überwasserseekrieges zuständigen Offiziers im Führungsstab der Marine: Die Korvette eröffne dem gesamten Einsatzverband ein Handlungsspektrum, das den ”Verbund des Überwasserseekrieges von der Hohen See bis in die Küste hinein verwirklichen” könne. [18] Und weiter: ”Dabei wird der Verbund zwischen Fregatte und Korvette außerordentliche Bedeutung erlangen.” [19]

Neue Fregatten

Die erste Fregatte der neuen F 124-Baureihe wurde am 1. Dezember 1999 bei Blohm + Voss in Hamburg auf den Namen SACHSEN getauft und soll am 29. November 2002 an die Bundeswehr übergeben werden. Die zweite Fregatte ist auf den Namen HAMBURG am 16. August in Kiel bei HDW getauft worden und die dritte des Typs F 124, soll HESSEN heißen und ist bei TNSW in Emden Ende Juli auf Kiel gelegt worden. Die Lürssen Werft ist „maßgeblich an der Konstruktion und dem Bau der drei Fregatten F 124 beteiligt. [...] Seitens Lürssens wird schwerpunktmäßig das Vorschiffmodul mit Aufbau (63,60 Länge) und Teilausrüstung, sowie zwei hintere Aufbaumodule und Schornsteine für die 143 m langen Fregatten F 124 konstruiert und gefertigt.“ [20] Während für die beiden ersten Fregatten die Teile die Lürssen Werft bereits verlassen haben, wird „die Auslieferung der Bauteile für die dritte Fregatte HESSEN an TNSW Ende 2002 erfolgen.“ [21] Diese Fregatte ist die teuerste deutsche Kriegswaffe aller Zeiten und ist mit jeweils etwa 1,3 Mrd. DM (inkl. Bordhubschrauber und Bewaffnung) teurer als jedes Zivilschiff der Welt. Allein der Unterhalt dieser drei Fregatten wird binnen 10 Jahren rund 1 Milliarde DM verschlingen.

Im Einsatzverband ist die Fregatte, die der Öffentlichkeit als Ersatz für die 30 Jahre alten Zerstörer ”verkauft” wird, das zentrale Schiff. Ein purer Ersatz sind sie mit nichten. Ihr Chefkonstrukteur Karl-Otto Sadler sagte über ihre ”weltmeisterliche” Qualität : „Die F 124 repräsentiert im Fregattenbau einen avantgardistischen Modernisierungsschub und sie bedeutet im Marine-Überwasserschiffbau einen technischen Quantensprung.” [22] Die im Bau befindliche F 124 als Mehrzweckfregatte mit dem Aufgabenschwerpunkt Flugabwehr ist erstmalig für Deutschland für den vollen oder ”uneingeschränkten Verbandsschutz” konzipiert. Ihre Vorgänger, die drei Zerstörer der Lütjens-Klasse waren dazu nicht in der Lage.

Die Friedrich Lürssen Werft

Die Friedrich Lürssen Werft an der Lesummündung besteht seit 127 Jahren und gilt als Wiege der deutschen Schnellboote. Sie baute für die Kaiserliche Marine Torpedo-Schnellboote und für den Hitler-Faschismus zwischen 1939 und 1945 weit über 200 Schnellboote mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 45 Knoten. Ab 1957 wurden für die Bundesmarine wieder Schnellboote gebaut. Die Lürssen Werft ist insbesondere erfolgreich im Exportgeschäft mit Schnell-, Patroullienbooten und Korvetten. Aktuell arbeitet sie zusammen mit Abeking & Rasmussen an einem Auftrag von sechs Minenjagdbooten für die Türkei im Wert von 1,1 Milliarden DM. In den letzten vier Jahrzehnten hat Lürssen über 264 Boote ins Ausland geliefert. 70 % ihrer Schiffe gehen ins Ausland. [23] Dabei zählt sie mit 645 Beschäftigten (2000) lediglich zu den mittelgroßen deutschen Marinewerften nach HDW [24] und den beiden Thyssen-Werften, die als Großwerften gelten. Die Krögerwerft in Schacht-Audorf bei Rendsburg, mit 250 Beschäftigten, ist ein Tochterunternehmen von Lürssen und hat den ersten der beiden Einsatzgruppenversorger, die mit 20.000 t die größten Schiffe der Bundeswehr sind, hergestellt. Mit den Einsatzgruppenversorgern BERLIN und FRANKFURT AM MAIN wird die landungebunde Stehzeit der Einsatzgruppe von 21 auf 45 Tage verlängert, so dass die Dauer und Reichweite der Einsätze weiter ausgedehnt werden können.

Gemeinsames Minenjagdprojekt dreier Bremer Rüstungsfirmen

Anfang Juli diesen Jahres hat der Bundestag einen Auftrag zur Entwicklung einer neuen Minenjagdtechnologie an ein Konsortium aus STN Atlas Elektronik, Lürssen Werft, Abeking & Rasmussen sowie EADS vergeben. Bis Ende 2005 soll für 35,9 Mio. Euro ein Seeminenortungssystem entwickelt werden, das ins Sediment eingesunkene Minen orten und mit Hilfe einer Drohne zerstören kann. Die deutsche Minenjagdtechnologie nimmt eine führende Position in der Welt dar. Das Zentrum dafür ist in Bremen.

Strategische Aufklärung aus Bremen

Unter der Kategorie „erste Priorität“ [25] heißt es im zentralen Beschluss der Bundesregierung zur Umstrukturierung der Bundeswehr vom 1. Juni 2000: „Zur Verbesserung der nationalen politischen und militärischen Lagebeurteilung und in Ergänzung der Fähigkeiten des Bündnisses erhält die Bundeswehr eine eigene raumgestützte Aufklärungsfähigkeit.“ Die Funktion der raumgestützten Aufklärung definierte Generalinspekteur Kujat in seinem Erlass des Material- und Ausrüstungskonzepts (MatKonz) im März 2001 folgendermaßen: Deutschland erhalte über diesen uneingeschränkten Zugriff eine „eigenständige nationale Urteils-, Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit“ [26] Und an anderer Stelle noch klarer: „Der Zugang zu ungefilterten und umfassenden Rohdaten ist die Grundlage für eigenständige Interpretation und Lagebeurteilung.“

Den Wettbewerb zur Herstellung des Satellitensystems gewann ein internationales Konsortium [27] unter Führung der mittelständischen Bremer Firma OHB Systeme, die zur Fuchs-Gruppe gehört, gegen den internationalen Astrium-Konzern, der EADS zu 75 Prozent und BAe Systems zu 25 Prozent gehört. Das Bremer SAR-Lupe-Projekt besteht aus fünf Satelliten und soll ab Ende 2006 hochauflösende wetter- und tageszeitunabhängige Radarbilder vom gesamten Globus liefern. Die Starts der Satelliten erfolgen mit russischen Raketen. Die Radartechnik wird von der französischen Firma Alcatel Space [28] geliefert. „Die Auflösung würde nach inoffiziellen Angaben bei etwa fünfzig Zentimetern liegen, genug um auf einem Bild ein Fahrzeugkennzeichen - ohne Einzelheiten - als Pixel erkennen zu können,“ [29] schreibt die FAZ. Der Bundestag bewilligte Mitte Dezember 2001 für dieses Projekt knapp 300 Millionen Euro. Nachdem Mitte der 90er Jahre die gemeinsamen Satellitenprojekte mit Frankreich gescheitert waren, hat der jüngste deutsch-französische Gipfel [30] beschlossen, einen Verbund des deutschen SAR Lupe-Systems mit dem französischen Wärmebildsatelliten Helios II herzustellen. Dies soll den Kern eines europäischen Aufklärungsverbundes bilden, der Europa von den USA unabhängig macht. Bis Ende 2004 soll die Kompatibilität zwischen dem deutschen und dem französischen System hergestellt sein.

Bei den deutsch-französischen Verhandlungen wird jedoch entscheidend sein, in welchem Verhältnis der Zugriff auf die Rohdaten erfolgt. Es muss die Frage geklärt werden, sehen beide Partner alles gleichzeitig oder hat ein Land ein Vorrecht, welches ihm ermöglicht, die Daten zum nationalen Vorteil auszuwählen. Gemeinsam wichtig scheint den Betreibernationen zu sein, den USA etwas im Tausch anbieten zu können, um auch an Aufklärungsmaterial aus den USA zu gelangen. Was jedoch über allem steht, ist nicht der deutsche Drang nach Aufklärung nur der Aufklärung wegen, sondern, wie Kujat feststellte, die im Kern nationale militärische Handlungsfähigkeit zu erweitern. Und das heißt weltweite Einsatzfähigkeit der Bundeswehr.

Rüstungszusammenarbeit mit Uni Bremen?

Der Politikwissenschaftler am Berliner Otto-Suhr-Institut, Ralf Bendrath [31], behauptet und kritisiert eine Zusammenarbeit eines Instituts der offiziell rüstungsfreien Bremer Universität mit der Firma OHB Systeme beim SAR Lupe-Projekt. Ich zitiere aus seinem im Internet nachlesbaren Aufsatz vom 12. April diesen Jahres [32]: „Heikler Nebenaspekt: Ein Großteil der Grundlagenforschung für SAR-Lupe ist an Instituten der offiziell rüstungsfreien Universität Bremen geleistet worden. Der Bereich „Bildverarbeitung“ des Technologie-Zentrums Informatik (TZI) [33] etwa erforschte unter anderem die Objekterkennung aus der Luft. Dabei wurden nach Informationen des Bremer AStA auch studentische Projekte genutzt, etwa das Projekt SIMA (Satellite Image Analysis), dessen Schwerpunkt das „Analysieren von SAR-Bildern“ und die Entwicklung von Auswertungssoftware war. Zwar war das Hauptuntersuchungsobjekt in diesem Projekt das Verfolgen von Eisschollen, aber die Erkenntnisse lassen sich auch für das Verfolgen anderer bewegter Objekte, etwa Fahrzeugkonvois nutzen. Der Hersteller von SAR-Lupe, OHB-Systeme, ist im Technologiepark in direkter Nachbarschaft der Universität angesiedelt und war offizieller Partner des Projektes,“ schreibt Bendrath. Ich selbst kann nicht beurteilen, inwiefern das studentische Projekt, dessen Abschlussbericht im Oktober 2000 erstellt wurde, eine Grundlagenforschung darstellt, und/oder ob die OHB Systeme tatsächlich Partner des Projekts war. Alles andere lässt sich jedoch aus dem Internet belegen. Ergänzend dazu findet sich im Internet, dass der Aufsichtsratsvorsitzende der OHB-Systeme, Prof. Manfred Fuchs, der dem Eigner Fuchs-Gruppe den Namen gibt, im Beirat des TZI der Bremer Uni zumindest bis 1999 saß.

Über dies hinaus schreibt Bendrath: „Auch das universitäre Zentrum für Kongnitionswissenschaften (ZKW) [34] war an dem Projekt beteiligt. Am ZKW wird anhand der Hirnaktivitäten bestimmter Tiere erforscht, wie mit neuronalen Netzen eine schnelle Objekterkennung realisiert werden kann – ebenfalls eine interessante Frage für die Satellitenspionage. Offiziell entspricht dies nicht der Linie der traditionell linken Universität“, schreibt Bendrath weiter. „Ein Beschluss des Akademischen Senats stellte noch 1992 fest: ‚Der Akademische Senat lehnt jede Beteiligung von Wissenschaft und Forschung mit militärischer Nutzung bzw. Zielsetzung ab und fordert die Mitglieder der Universität auf, Forschungsthemen und -mittel abzulehnen, die Rüstungszwecken dienen können.'“

Der Name OHB steht für Orbitale Hochtechnologie Bremen, ist einer von insgesamt acht Firmen der Fuchs-Gruppe, die unter anderem auch in Mailand und Moskau ihren Sitz haben. Neben OHB gehören auch zwei andere am SAR-Lupe-Projekt beteiligte Firmen zur Fuchs-Gruppe: die Mailänder Carlo Gavazzi Space und die Cosmos International Satellitenstart GmbH. Letztere kooperiert mit russischen Firmen über Satellitenstarts in Plesetsk und Kapustin Yar. Es liegt nahe, anzunehmen, dass auch die Starts der Satelliten über diese Firmen abgewickelt werden sollen. Die Fuchs-Gruppe gibt ihre Mitarbeiterzahl mit 250 an, Tendenz steigend. So ist die Mitarbeiterzahl der börsennotierte OHB Teledata AG, die die OHB Systeme kürzlich geschluckt hat, aktuell binnen eines Jahres von 43 auf 125 gestiegen [35]. Die Teledata rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatz von 75 Mio. Euro.

Die Deutsche Luftwaffe und Rüstung aus Bremen?

Strategische Verlegefähigkeit per Luft durch Airbus A 400 M

Damit Kriegsgerät und Soldaten möglichst schnell in die Kriegs- und Krisengebiete auch weit außerhalb Europas verlegt werden können, werden deutsche strategische Transportkapazitäten aufgebaut. Die bestellten luftbetankbaren 73 Airbus 400M sollen Lasten nonstop über eine Distanz von bis zu 9.000 km transportieren. Das ist für die schnelle Verlegung des Materials für Vorauskommandos besonders wichtig. Bis zur Auslieferung der ersten Maschinen im Jahr 2009 soll nach den Plänen des Verteidigungsministeriums das Vorhaben über eine Beteiligungsgesellschaft zwischenfinanziert werden, so dass zu dem Kaufpreis von 8,517 Mrd. € noch eine Zinszahlung von 843 Mio. € hinzukommt. Damit kosten die Flieger die deutschen SteuerzahlerInnen bis 2016 insgesamt ca. 9,36 Mrd. € (18,3 Mrd. DM). Für Airbus Industries dürfte der Auftrag insgesamt einen Wert von ca. 25 Mrd. Euro haben.

Aircraft Services Lemwerder dabei?

Die Firma Aircraft Services Lemwerder (ASL, 700 Beschäftigte), früher MBB und DASA, ist vor allem mit Wartungsarbeiten an der zivilen Airbusfamilie beschäftigt und wartet nun auf den Startschuss für die Herstellung der militärischen Airbusse A 400 M. „Grund“ so der Geschäftsführer von Mende, sei „die Zusage der EADS: Wenn der A 400 M gebaut wird, erhält die ASL Aufträge von jährlich rund 25,6 Mio. Euro.“ [36] Wofür ASL dieses Geld erhalten soll, ob für Wartungsarbeiten, Teileentwicklungen oder Lackierungsarbeiten wird der Öffentlichkeit nicht mitgeteilt. Die Maschinen, die bisher lediglich auf dem Reißbrett oder in Computeranimationen vorliegen, sollen in den Jahren 2008 bis 2016 ausgeliefert werden.

Bedeutung des Maritimen Rüstungsstandorts Bremen

Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass die deutsche Marineindustrie auf dem Weltmarkt, d.h. im Export von Kriegsschiffen eine Spitzenstellung in zwei wesentlichen Bereichen inne hat. Das sind zum einen die Fregatten. Ihr Weltexportanteil lag in den 90er Jahren bei 60 Prozent. Das ist auf das deutsche Fregattenkonsortium zurückzuführen, ein Verbund der beiden ThyssenKrupp-Werften mit HDW und Thyssen-Rheinstahl, die eine kostengünstige Modulbauweise (MeKo-Kombination) anbieten. Und zum anderen bei U-Booten, deren Weltmarktanteil in den 90er Jahren bei 58 % lag, mit steigernder Tendenz. HDW hat angekündigt, dass es in Kooperation mit der Emdener TNSW von den 50 U-Booten, die weltweit in diesem Jahrzehnt gebaut werden, 40 herstellen wird. Die Torpedos für die U-Boote liefert STN Atlas Elektronik. Bei Minenkampf- und Schnellbooten hatten deutsche Werften einen Weltmarktanteil von 26 Prozent [37]. Die stammen aus der Bremer Kooperation von Lürssen mit Abeking & Rasmussen. Diese beiden Bremer Kriegsschiffwerften beschäftigen mit ihren knapp 1.000 Mitarbeitern etwa 10,5 Prozent aller auf deutschen Werften mit Marineproduktion Beschäftigten [38]. Sie nehmen in dem Teilsegment kleiner Überwasserkampfschiffe eine Spitzenstellung ein.

Perspektiven des Rüstungskapitals in Bremen

STN-Atlas Elektronik ist der größte Rüstungsbetrieb in Bremen. Seitdem bekannt ist, dass BAe-Systems mit Rheinmetall über die Zukunft von STN verhandelt, [39] wird öffentlich spekuliert. Zunächst ging es um einen Tausch der Mehrheitsverhältnisse, so dass künftig BAe und nicht Rheinmetall die 51 Prozent-Mehrheit an STN hält. Eine Insidermeldung Ende Juni besagt nun, dass man sich einig geworden sei. Der BAe-Anteil liege noch höher und „BAe-Systems übernimmt die operative Führung der Marine- und Drohnen-Technologie und Rheinmetall bekommt die Führung des Land-Restes“ [40]. Amtlich sind diese Mitteilungen noch nicht, decken sich aber im wesentlichen mit einer Aussage des Vorstandsvorsitzenden von Rheinmetall, Eberhardt, aus dem Juli: „Bei STN ATLAS Elektronik haben wir vor allem die heerestechnische Elektronik im Blick, Marinesysteme hingegen sehen wir langfristig bei BAe Systems aufgehoben.“ [41] Das heißt, kommt es tatsächlich zur Mehrheitsübernahme von BAe Systems bei STN Atlas erhält der britische Konzern auch das Sagen bei den Torpedos. Torpedos sind für BAe insofern von besonderem Interesse, als BAe die Marinewerft Barrow in Furnis betreibt. Auf dieser, mit knapp 4.000 Beschäftigten größten britischen Werft, werden die britischen nuklear und konventionell angetriebenen U-Boote hergestellt. Auch die Spitzentechnologie der Drohnenherstellung von KZO und Taifun käme in britische Hand.

Nach einem Gespräch mit Schröder und Scharping Ende Oktober 2000 wird an „Strategischen Allianzen“ sowohl in der Heeresindustrie als auch bei den Marinewerften gestrickt. Die großen deutschen Unternehmen der Heeresindustrie Krauss-Maffei-Wegmann, Rheinmetall De Tec und Diehl bilden eine strategische Allianz, um ihre technologischen Fähigkeiten zu harmonisieren und zu bündeln. [42] „Im Bereich Marineschiffbau wollen sich die Babcock Borsig AG und Thyssen Industries AG zu einer Allianz zusammenschließen. Auch hier werde eine Kapitalverflechtung geprüft“, meldet die FAZ vor knapp zwei Jahren und zitiert aus der gemeinsamen Erklärung: „Die Allianzen werden als entscheidendes Element für die Rekonstruierung der europäischen Rüstungsindustrien angesehen.“ Möglicherweise ist die angesprochene Vereinbarung zwischen Rheinmetall und BAe, in der Rheinmetall die Marinetechnik zurückstuft und sich auf Heerestechnik konzentriert, ein Ausdruck dieser Allianzen.

Einen europäischen Werftenverbund unter deutscher Führung zu basteln, wie es die Bundesregierung anstrebt, priorisiert Krieg und Rüstungsexport. Und so wie es sich der Bremer SPD-Abgeordnete Kröning wünscht, dass Bremen auf diese Weise zu einem „Zentrum der Marinetechnik“ [43] werde, würde sich die Hansestadt von der Konjunktur des Krieges abhängig machen. Ja, sie müsste auf Kriege hoffen, um finanziell profitieren zu können. Im übrigen sind die Bremer Marinewerften national und international zu klein, um diese gewünschte zentrale Bedeutung einnehmen zu können.

Was haben wir für Alternativen?

Die Alternativen für Rüstungsproduktion sind zivile Produkte, die in ehemaligen Rüstungsbetrieben hergestellt werden. Die Umstellung ist in der Durchsetzung ein sehr mühseliges Geschäft. Seit 20 Jahren arbeiten IG Metall Arbeitskreise „Alternative Produktion im Bezirk Küste“. In Bremen treffen sie sich im Betriebsratsbüro von Airbus in der Hünefeldstraße. Dem Internet [44] ist zu entnehmen, dass sie sich mit Regenerierbaren Energien und neuen Antrieben für Fahrzeuge wie z. B. Pressluft befassen.

Die Ansätze sind sicher zu begrüßen und unterstützenswert. Die Umsetzbarkeit ist jedoch nur möglich bei entsprechendem öffentlichen Druck. Dieser kann nur durch die Friedensbewegung erzeugt werden. Derzeit ist die Friedensbewegung zu schwach, um diesen Druck zu erzeugen. Damit wir ihn entfalten können, ist zunächst einmal Aufklärung nötig über die mörderische Qualität der in dieser Stadt hergestellten neuen Waffensysteme und ihre Verwendung in weltweiten Einsätzen. Ich danke die Aufmerksamkeit.

Lühr Henken

Sprecherrat Bundesausschuss Friedensratschlag, Bremen 29.8.02, DGB-Haus

 

[1] Zu neuen Kriegswaffen für die Bundeswehr vgl. Lühr Henken, Mit neuen Waffen in die nächsten Kriege, in: Ulrich Cremer/Dieter S. Lutz (Hrsg.) Die Bundeswehr in der neuen Weltordnung, Hamburg 2000, 204 Seiten, S. 114 - 140

[2] Jochen Schneider, Die deutsche Artillerie auf dem Weg in die Zukunft, in: Das System Artillerie, Wehrtechnischer Report, Februar 1998, Bonn, Frankfurt a.M., 64 Seiten, S. 39 ff; hier S. 9; im weiteren: Schneider

[3] Helmut Willmann, Ein technologischer und operativer Sprung; in: System Artillerie, S.5

[4] Berndt v. Mitzlaff, Das Auge des Taifuns, in: Aerospace - Magazin der Daimler-Benz Aerospace AG 2/98, S. 42 ff

[5] Otto Fior, KZO, TAIFUN – Mittel zum Kampf in der Tiefe, in Wehrtechnischer Report 1/2002, 72 Seiten, S. 29

[6] Dirk Schröter, Günter Römer, Rainer Altmeyer, Walter Hoffmann, MARS - geballte Feuerkraft: ”Mars bleibt das wichtigste Waffensystem der deutschen Artillerie für den Kampf mit Feuer in der Tiefe und die Feuerunterstützung der Kampftruppen bei unmittelbaren Operationen”; in: System Artillerie S. 43 f

[7] Soldat und Technik 1/2002, S. 4

[8] Mehr zu STN Atlas Elektronik und zur Geschichte und Vorgeschichte in: Hans Walden, Wie geschmiert – Rüstungsproduktion und Waffenhandel im Raum Hamburg – Ein Schwarzbuch, Komzi-Verlag, Idstein, 1997, 355 Seiten, STN: S. 282-293, DMT: S. 183-187, AEG: 153-164

[9] http://www.stn-atlas.de/sae/pdf/jahresberichte/geschaeftsbericht_2001_deutsch.pdf

[10] Schneider, S. 13

[11] Dieter Stockfisch, ”Krisenreaktionskräfte (KRK) der Marine, Soldat und Technik, 1/1996, S. 21 ff

[12] Uwe Schmidt, Wandel der militärischen Bedeutung von Küstengewässern, Soldat und Technik 11/1998, S.721 ff, hier S. 724.

[13] Thomas Kempf, Neuausrichtung der Marine, in Soldat und Technik Januar 2002, S. 32

[14] ami Heft 10/1999, S. 33

[15] Jürgen Erbe, Gelenkter Flugkörper Polyphem, Soldat und Technik 4/2000 S. 228

[16] Dieter Stockfisch, Landzielfähigkeit ist das Entwicklungsziel, Soldat und Technik 5/2000, S. 327

[17] Soldat und Technik 1/2000, S. 57

[18] Jürgen Mannhardt, „Überwasserseekriegführung und Flugabwehr - Fähigkeiten, konzeptionelle Vorstellungen und Perspektiven“. (Fregattenkapitän Dpl.-Kfm Jürgen Mannhardt ist Referent im BMVg, FüM III2, und zuständig für operative Planung und Grundsatzfragen auf dem Gebiet der Überwasserkriegführung und Flugabwehr), Soldat und Technik, 2/1995, S. 86 ff, hier S. 94, im weiteren: Mannhardt

[19] Mannhardt. S. 96

[20] Die Flotte der Deutschen Marine – Marineschiffbau in Deutschland, Wehrtechnischer Report 4/2002 (Juli 2002), Bonn, Frankfurt am Main, 72 Seiten, S. 59

[21] ebenda

[22] Karl-Otto Sadler, F 124 - Ein Konzept für die Zukunft, in Wehrtechnik 8/9 1997, S. 44-48, S. 48

[23] Jürgen Rhades: HDW – auch für die Zukunft gut gerüstet, in: Wehrtechnik I/1999, S. 77, in: Europäischer Marineschiffbau, ami 10/00, S. 37-43, S. 40

[24] Ob es sich bei HDW noch um eine deutsche Werft handelt, ist zweifelhaft. Die Tochtergesellschaft der sechsgrößten US-Bank „Bank One“, One Equity Partners (OEP), hält 75 Prozent minus 1 Aktie und der Rest liegt bei der im Insolvenzverfahren befindlichen Babcock Borsig AG. Das „Manager Magazin“ berichtet, dass die HDW-Eigentümer die Bildung zweier Holdinggesellschaften in den Niederlanden planen. Die HDW Submarine Holding BV Holland wäre dann demnach in den Händen von OEP Submarine Holding BV (51 %), Northrop Grumman (19 %), ThyssenKrupp AG (15 %) und MAN/Ferrostaal (15 %). Die Eigentümer von OEP Submarine wären OEP (90 %) und das HDW-Management (10 %). HDW hat diese Meldung dementiert. (FAZ 27.8.02) Der HDW-Kaufvertrag sieht vor, dass ThyssenKrupp und Ferrostaal je 15 % von HDW angeboten werden, darüber hinaus darf OEP seinen 55 %-Anteil bis 2004 nicht verkaufen. Von 2005-2007 haben die deutschen Anteilseigner ein Vorkaufsrecht, für den Fall dass OEP verkaufen will. Das dürften dann nur noch die beiden genannten sein, denn Babcock steckt in der Insolvenz. Auch danach ist eine deutsche Mehrheitsübernahme möglich. Ein Einstieg des US-Rüstungsgiganten Northrop Grumman, der erst in 2001 durch die Übernahme von Litton Industries und der Newport News Werft zum größten Marinekonsortium der Welt wurde (ca. 35.000 Beschäftigte) macht die Sache heikel. Denn damit steigen die USA in den Bau auch konventionell angetriebener U-Boote ein, so dass u. U. eine Ausweitung der U-Boot-Exports auch nach Taiwan möglich würde.

[25] Der Verteidigungsminister, Die Bundeswehr - sicher ins 21. Jahrhundert – Eckpfeiler für eine Erneuerung von Grund auf, 44 Seiten, Punkt 48, in Blätter 7'00, S. 892 oder unter http//:www.Bundeswehr.de/reform/hintergrund/refbroschueren_uebersicht.php

[26] Generalinspekteur der Bundeswehr, Material- und Ausrüstungskonzept (MatKonz), März 2001, 51 Seiten + 5 Anlagen (VS – Nur für den Dienstgebrauch) S. 13; vgl. http//:www.geopowers.com: Rüstungskonzept (Bw-Matkonz)

[27] Wesentliche Mitglieder des Konsortiums nach OHB sind EADS Dornier (Friedrichshafen), Alcatel Space (Toulouse) und TESAT (früher: Bosch Satcom, Backnang). Zudem Carlo Gavazzi Space (Mailand), SAAB Ericson (Göteborg), RST (Salem); FAZ 30.8.01, Soldat und Technik 1/2002, S.4

[28] FAZ 30.8.01, OHB vor Auftrag für Aufklärungssatellit

[29] FAZ 3.7.00, Durchblick verloren

[30] NZZ 31.7.02, FAZ 31.07.02

[31] http://userpage.fu-Berlin.de/bendrath/arbeit.html

[32] Ralf Bendrath, Bundeswehr bekommt Augen im All, 12.4.02 http://www.heise.de/tp/deutsch/special/raum/12298/1.html

[33] http://www.tzi.de

[34] http://pooh.physik.uni-bremen.de/zkw

[35] http://www.OHB-teledata.de

[36] Die Welt 15.8.02, Bremen wartet auf europäische Entscheidungen

[37] Kurt Schloenbach, Maritime Rüstungskapazitäten. Ein Anliegen der deutschen Sicherheitspolitik in: Schiff und Hafen 2/2000, S. 47-53, Hamburg, in: Heiner Heseler, Werner Voß, Der europäische Marineschiffbau, Entwicklungen und Optionen, Bremen, April 2001, 72 Seiten, S. 53. www.trenz.de/dateien/10824/Marineschiffbau2001.pdf, im weiteren: Heseler/Voß

[38] Heseler/Voß S. 46

[39] Die Welt 26.2.02, http://diewelt.de/daten/2002/02/26/0226hw316957.htx und http://diewelt.de/daten/2002/02/26/0226brw316928.htx

[40] http://www.geopowers.com/Machte/Deutschland/Rustung/rustung.html, Eintrag 20.6.02

[41] Soldat und Technik August 2002, S. 32

[42] FAZ 30.10.00 Deutsche Industrie formt Wehrtechnik-Allianz

[43] ebenda

[44] http://www.labourcom.kua.uni-Bremen.de/ak-alternative_fertigung/