Atomgefahr

Fukushima Dai-ichi unter Kontrolle?

Fukushima Reaktor TEPCO
Die japanische Regierung wird nicht müde, zu wiederholen, dass die Lage in den havarierten Atomkraftwerken in Fukushima unter Kontrolle sei. Die olympischen Spiele und die marode Wirtschaft des Landes im Blick, mag derartiger Zwangsoptimismus nicht überraschen. Doch die neuesten Erkenntnisse zur Situation in den Reaktorkernen selber zeigen leider allzu deutlich, dass die Lage alles andere ist als unter Kontrolle.

Am 9. Februar schickte die Betreiberfirma TEPCO einen speziell konstruierten Roboter in das Innere des havarierten Reaktor 2 des AKW Fukushima Dai-ichi. Vor 5 Jahren noch hatte man hier Strahlenhöchstwerte von rund 73 Sievert pro Stunde gemessen. Diesmal gelang es dem Roboter, näher an den Reaktorkern heranzukommen und dort Strahlenwerte von bis zu 650 Sievert pro Stunde (+/- 30%) zu messen. Dieser Messwert würde mehr als 10 Sievert pro Minute entsprechen und stellt die höchsten je in Fukushima gemessene Strahlendosis dar. Dabei ist davon auszugehen, dass es noch deutlich höher verstrahlte Areale im Reaktor geben muss, zu denen der Roboter jedoch bislang nicht durchdringen konnte.

Ein Mensch kann ab einer akuten Strahlendosis von 1 Sievert an der Strahlenkrankheit erkranken. Seine Haut löst sich ab, die Haare fallen aus, die Schleimhäute im Magen-Darm-Trakt beginnen sich aufzulösen, blutige Durchfälle und Erbrechen sind die Folge. Das Knochenmark versagt, Blutplättchen und Blutkörperchen werden nicht mehr gebildet, das Immunsystem bricht zusammen, ebenso wie der Sauerstofftransport und das Gerinnungssystem. Durch die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki und die zahlreichen Atomunfälle der letzten Jahrzehnte wissen wir: mit jedem Sievert Strahlendosis sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit. Eine akuten Dosis von 5 Sievert überleben nur 50% der Betroffenen, bei 10 Sievert ist die Todesrate praktisch 100%. Eine Strahlendosis von 10 Sievert pro Stunde bedeuten, dass ein Mensch keine Minute überleben würde.

TEPCO beeilte sich, die Brisanz dieser Messungen schnell zu revidieren und beteuerte, dass die Strahlung sicher im Inneren des Reaktors eingeschlossen sei und keine Gefahr für die Allgemeinbevölkerung darstelle. Doch vermeintlich sicher im Reaktor eingeschlossen war die Strahlung auch im März 2011, als ein Erdbeben und ein Tsunami zum mehrfachen Super-GAU in dem japanischen Atomkraftwerk führte. Angesichts der Tatsache, dass die Bergung der geschmolzenen Brennelemente aus den Atomruinen Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte dauern dürfte, ist nicht auszuschließen, dass eine erneute Naturkatastrophe in dem erdbebengefährdeten Gebiet zu weiteren Freisetzungen von radioaktivem Material führen könnten – diesmal vielleicht noch in viel größerem Umfang als 2011, als der Wind günstigerweise aufs offene Meer hinaus blies und die Metropolregion Tokio von einem Großteil des radioaktiven Niederschlags bewahrte.

Der Roboter, der im Auftrag von TEPCO die Strahlung im Inneren des Reaktors messen sollte wurde durch die hohe Strahlendosis zerstört – wie bereits viele seiner Vorgänger, deren verstrahlte Karossen sich mittlerweile auf dem Boden des Reaktorgebäudes häufen. Mittlerweile ist klar, dass die Einschätzungen der TEPCO-Ingenieure bezüglich der Situation der geschmolzenen Brennstäbe zu optimistisch waren. Bevor die Kamera durch die hohen Strahlendosen zerstört wurde, lieferte sie Bilder, die suggerieren, dass sich der  Kernbrennstoff durch den dicken Zementboden des Reaktordruckbehälters geschmolzen haben muss. Das Ausmaß der Zerstörung im Reaktorkern und die Ausbreitung des glühend heißen radioaktiven Materials sind dabei weiterhin völlig ungeklärt. Das geschmolzene Kernmaterial könnte sich auf dem Boden des Reaktorgebäudes befinden oder bereits außerhalb des Gebäudes im Erdreich befinden, irgendwann möglicherweise sogar Anschluss ans Grundwasser gewinnen.

Genau hier liegt die Brisanz dieser neuen Messungen: Wenn im Inneren des Reaktors Strahlendosen von bis zu 650 Sievert pro Stunde gemessen werden und bekannt ist, dass Grundwasser völlig unkontrolliert über Risse und Spalten ins Gebäude eintritt, sich dort mit Kühlwasser vermischt und ebenfalls unkontrolliert aus dem Gebäude wieder austritt, kann niemand vorhersehen, ob nicht in naher Zukunft deutlich höhere Strahlenwerte im Grundwasser der Region gemessen werden. Vermutlich hat man bislang lediglich Glück gehabt, dass das geschmolzene Kernmaterial noch keinen direkten Kontakt mit den Grundwasserströmen hatte.

Die Region rund um Fukushima bleibt erdbeben- und tsunamigefährdet und das nächste große Beben könnte die Atomkatastrophe um ein Vielfaches verschlimmern. Unter Kontrolle ist die Situation daher keineswegs.

Dr. med. Alex Rosen,13.03.2017


Quelle: IPPNW

18:30:24
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