Atomgefahr

Brisantes Ereignis im Atomkraftwerk Grohnde

Bundesregierung: Studie "Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz" GAU-Szenario für das AKW Grohnde
Vergangene Woche meldete das niedersächische Atomkraftwerk Grohnde den Ausfall eines sicherheitsrelevanten Bauteils. Atomkraftgegner*innen kritisieren, die Atomaufsicht hätte wegen damit zusammenhängender Auswirkungen die Abschaltung anordnen müssen.

Das Sicherheitssystem verfügt über vier Stränge. An einem dieser Stränge werden zur Zeit „planmäßig vorbeugende Instandhaltungsmaßnahmen“ durchgeführt, informiert Betreiber Eon. Er stehe daher nicht zur Verfügung.

Am 26. Januar kam es darüberhinaus um 03.56 Uhr zum Ausfall einer elektronischen Baugruppe, dadurch fiel der davon betroffene Strang zusätzlich aus. Insgesamt standen somit von insgesamt vier Sicherheitsteileinrichtungen zwischenzeitlich nur die zur Störfallbeherrschung notwendigen zwei zur Verfügung, berichtet das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz (NMU) als zuständige atomrechtliche Aufsichts- und Genehmigungsbehörde.
Mit dem Ausfall des zweiten Strangs handelt es sich um ein "Ereignis" nach dem so genannten "Kriterium E 2.1.1 (Eilt)", das innerhalb von 24 Stunden der Aufsicht zu melden ist:

Kriterium E 2.1.1 (Eilt):
Funktionsstörung, Schaden oder Ausfall im Sicherheitssystem (einschließlich zugehöriger Hilfs- und Nebensysteme) mit der Folge, dass nur noch die auslegungsgemäß zur Störfallbeherrschung erforderliche Anzahl von Sicherheitsteileinrichtungen zur Verfügung steht.


Ereignisse der Kategorie „Eilt“ sind äußerst selten und alarmierend: Im Jahr 2015 fielen bei insgesamt 60 meldepflichtigen Defekten in allen deutschen AKW nur zwei in die Kategorie "Eilt", 2014 bei insgesamt 68 Ereignissen keines.

Atomkraftgegner*innen der „Grohnde Kampagne“ kritisieren, dass der Meiler nicht abgeschaltet wird. Denn laut der Atomrechtlichen Sicherheitsbeauftragten- und Meldeverordnung (AtSMV) kann der Betrieb der Anlage oder der Teilanlage aus sicherheitstechnischen Gründen bei einem solchen Ereignis der Leistungsbetrieb nicht fortgeführt werden. Aktuell sei eine Anfrage dazu der Aktivist*innen beim NMU anhängig.

Meldepflichtiges Ereignis Nummer 250 in Grohnde

Bei dem kritischen Defekt handelt es sich um das insgesamt 250. Ereignis in der 33-jährigen Betriebszeit des Meilers, der an die Aufsichtsbehörden gemeldet werden musste. Altersschwäche, immer wieder Probleme im Sicherheitsbereich der Anlage und eine Reihe weiterer seit langem bekannter Schwachstellen – „was muss noch passieren, dass Umweltminister Stefan Wenzel endlich handelt und die sofortige Stilllegung veranlasst?“, fragen Atomkraftgegner*innen. Wenzel hatte erst im August im Zusammenhang mit Störfällen ein früheres Abschalten des AKW, als laut Gesetz Ende 2021 vorgesehen, gefordert.

„Im AKW Grohnde gab es immer wieder Störfälle. Jetzt muss Minister Wenzel von seinem Recht Gebrauch machen und die Betriebsgenehmigung entziehen“, fordert auch Udo Buchholz vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz.

Weiterhin mangelhafter Katastrophenschutz

Was ist, wenn der Super-GAU kommt und einheitliche Katastrophenschutzrichtlinien für ganz Deutschland fehlen? Bis heute existiert keine einheitliche Planung für den Katastrophenschutz bei Atomkatastrophen von der Schwere, wie sie zuletzt in Fukushima und davor in Tschernobyl aufgetreten sind. Ursache dafür ist nach Ansicht von Kritiker*innen, dass die Bundesregierung bis heute keine Frist für die Umsetzung ihrer gemeinsam mit den Länderinnenministerien erarbeiteten Richtlinien festsetzte.
Am 19. Januar fand im Landtag eine Anhö­rung zur Novellierung des Nieder­säch­sischen Katastrophen­schutz­ge­setzes statt.

„Meine Sorge: Im AKW Emsland oder Grohnde passiert 2018 eine Kernschmelze, z.B. aufgrund eines in terroristischer Absicht geplanten Flugzeugabsturzes, aber es gibt immer noch keine konkrete Notfallschutzplanung und mögliche Umsetzung“, so die Ärztin Dr. med. Angelika Claußen vom IPPNW in der Anhörung. „Die Landesregierung muss daher unverzüglich einen Erlass zur Ausweitung der Planungsgebiete um Atomkraftwerke und zur Jodtablettenvergabe im  Umkreis  von  20  Kilometer an  alle  Haushalte beschließen.“

Stellungnahme Entwurf Katastrophenschutzgesetz für die Anhörung im Innenausschuss desNiedersächsischen Landtags am 19.01.2016 (pdf)

Weitere Informationen:

AKW Grohnde: Gutachten stärkt Klage gegen Weiterbetrieb
20.01.2017 - Stürzt ein großes Flugzeug in das Atomkraftwerk Grohnde, droht ein Kernschmelzunfall. Gutachterin Oda Becker untermauert die Forderungen von Atomkraftgegner*innen, die gegen den Weiterbetrieb des niedersächsischen Meilers klagen.

Leck im Atomkraftwerk Grohnde
01.08.2016 - Seit Samstag ist das Atomkraftwerk Grohnde wegen einer Leckage unplanmäßig vom Netz. Niedersachsens Umweltminister fordert unterdessen, dass die alten Meiler früher als gesetzlich vereinbart abgeschaltet werden.

Steht das AKW Grohnde vor dem Aus?
02.06.2016 - Der Stillstand im niedersächsischen Atomkraftwerk Grohnde ist nochmal verlängert worden. Betreiber Eon kündigt das Wiederanfahren nun für den 13. Juni an, weil die Arbeiten an der beschädigten Nachkühlpumpe noch nicht abgeschlossen sind. Unterdessen will der Kreis Herford Jodtabletten als Vorkehrung gegen einen schweren Atomunfall verteilen.

Atomunfall – sicher ist nur das Risiko
Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen


.ausgestrahlt-Blog
07.02.2017 | von Jan Becker

15:01:07
Hier können Sie sich in unseren Newsletter eintragen



Aktuellen Newsletter downloaden
FACEBOOK-SEITE
Follow us on Twitter